Rede zum Zapfenstreich
630. Maiabendfest 2018

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Freundinnen und Freunde des Maiabendfestes,

im Namen der Bochumer Maiabendgesellschaft begrüße ich Sie herzlich und freue mich, dass Sie gekommen sind, um gemeinschaftlich das 630. Maiabendfest in unserer Stadt zu feiern.
Da unsere Maiabendtradition seit 2016 als eines der ältesten Heimatfeste Deutschlands als immaterielles Kulturerbe des Landes NRW und somit als Kulturträger gilt, ist es lohnenswert, einen tieferen Blick auf die alte Legende um den Grafen Engelbert III. von der Mark und die Bochumer Junggesellen zu wagen.
Engelbert stiftete den Bochumer Junggesellen aus Dank das Maiabendfest, da sie ihn bei der Großen Dortmunder Fehde im Jahr 1388 unterstützt hatten und das von bewaffneten Dortmundern geraubte Vieh den rechtmäßigen Besitzern, nämlich Harpener Bauern, durch eine kluge List zurückbringen konnten.
Wenn wir Geschichten um Grafen, Fehden und geraubtes Vieh vernehmen, stellen wir möglicherweise die Frage, wie diese Überlieferung aus ferner Vergangenheit uns in unserer heutigen Lebenswirklichkeit erreichen und tangieren kann.
Für die Gegenwart gewinnt der Maiabendbrauch seine Bedeutung vor allem aufgrund der Werte, die wir mit dem Tradieren der Geschichte hochleben lassen: Zusammenhalt, Solidarität, Widerstand ohne Gewalt, Hilfsbereitschaft und nicht zuletzt Gerechtigkeit.

Seit einigen Monaten will mir eine Aussage nicht aus dem Kopf:
„Gerechtigkeit schafft Frieden.“
Dieser Spruch wurde auf eine Glocke graviert, die anlässlich des Katholikentages 1947 gegossen wurde. Nach den Jahren des Krieges und einer Herrschaft des Unrechts hatte dieser Satz eine ganz besondere Aussagekraft. Und auch heute entfaltet diese Aussage ihre Wirkung, wenn wir die soziale Gerechtigkeit in Deutschland bedenken:

Ist es gerecht, dass Bürgerinnen und Bürger unseres Staates, die für den Wiederaufbau und den heutigen sozialen Wohlstand nach dem Krieg gesorgt haben, teilweise ein Einkommen haben das  unter bzw. etwas über dem Existenzminimum liegt?

Ist es gerecht, dass Bürgerinnen und Bürger unseres Staates, die voll arbeiten gehen und eventuell sogar mehrere Tätigkeiten ausüben, nur ein Einkommen knapp über dem Existenzminimum erwirtschaften?

Ist es gerecht, dass in einem Sozialstaat Menschen an Tafeln stehen, um mit Nahrung versorgt zu sein, weil sie sich Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten können?

Ist es gerecht, dass Frauen bei gleicher Arbeitsleistung weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen?

Ist es gerecht, dass Bürgerinnen und Bürger unseres Staates, für einen Mindestlohn von 8 € bzw. 12 € pro Stunde arbeiten, aber Vorstandsvorsit¬zende von Unternehmen 58,000,00 € pro Tag verdienen?

Ist es gerecht, wenn wir als reiche Industrienation, die Bodenschätze und Fischbestände armer Staaten ausbeuten beziehungsweise abfischen und Lebensgrundlagen entziehen, aber den Flüchtlingen aus diesen Regionen die Aufnahme in unser Land verweigern?
Ist es gerecht, dass Bundespolitiker nach ein bis zwei Legislaturperioden schon einen höheren Anspruch auf Rentenbezüge haben, als Menschen, die über 40 Jahre lang gearbeitet haben?

Diese Liste mit Anfragen ließe sich beliebig fortsetzen. Wenn wir soziale Kälte, fehlende Solidarität, höheres Aggressionspotential gar Gewaltbereitschaft oder Rücksichtslosigkeit in unserer Gesellschaft wahrnehmen und beklagen, dann scheint es häufig so, dass diese von Menschen ausgeübt werden, die sich selbst ungerecht behandelt fühlen. Das soll keine Rechtfertigung, eher eine Erklärung sein.
Deshalb appelliere ich besonders an unsere Bundespolitiker, macht bei Wahlen keine Versprechungen die im nachhinein  nicht gehalten werden, denkt nicht an euren festen Sitz im Bundestag, sondern hört besser hin was das Volk auf der Straße bewegt, damit auch in Zukunft der soziale Frieden erhalten bleibt.

Gerechtigkeit und Frieden gehen Hand in Hand und können nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wo wir uns für gerechte Verhältnisse engagieren, dort wird sich Frieden entwickeln und bestehen.
Immaterielles Kulturerbe wird auch „lebendiges Kulturerbe“ genannt, da es Menschen, Gruppen, Vereine braucht, um dieses Erbe zu tragen. Ich freue mich, in einer Brauchtumstradition zu stehen, deren Eckpfeiler Gemeinschaftssinn und Gerechtigkeit sind.
Auf lokaler Ebene können wir hier der Politik dazu einen Anstoß geben, in dem wir zelebrieren, was es bedeutet ein Bochumer Junge oder Mädel zu sein und welchen Werten und Idealen wir uns verbunden fühlen und in unserer Mitte leben möchten.
Ich wünsche uns und Ihnen allen ein freudiges und schönes Maiabendfest und lade Sie ein, zu feiern mit einem dreifach kräftigen:

Blau – Weiß, Blau – Weiß, Blau – Weiß