Rede zum Gedenken des Grafen Engelbert III. von der Mark
Stiftskirche Fröndenberg 2018

Zum 630. Mal jährt sich die Tradition des Bochumer Maiabendfestes, die auf den Grafen Engelbert von der Mark zurückgeht. Wenn wir seiner hier in Fröndenberg, Engelberts letzter Ruhestätte, gedenken, erinnern wir uns an ein bewegtes Leben. Bei näherer Betrachtung seiner Biographie kommt man nicht umhin zu bemerken: ruhige Zeiten hat Engelbert nie lange erleben dürfen. Von Beginn an seiner Herrschaft als junger Graf wurde seine Position durch territoriale Interessen, Ränke- und Machtspiele der Kirche und anderer Häuser bedroht, gegenüber denen er sich zu behaupten hatte. Kriegerische Auseinandersetzungen mit Gegnern, die Suche nach Verbündeten und die Ausweitung des eigenen Einflussbereiches prägten fortan sein Leben. Friedenszeiten waren kurz. Die Lebensgeschichte des Grafen und die Überlieferung um die Entstehung des Maiabendbrauches laden uns ein, den „Frieden“ als eines der höchsten ethischen Güter in unserer Kultur zu reflektieren.

In der abendländischen Geschichte wird Frieden weithin als die mehr oder weniger kurzfristige Unterbrechung des Krieges, als Normalzustand, empfunden. Als Beispiele aus unserem Sprachgebrauch seien hier der „Westfälische Friede“ oder der „Frieden von Versailles“ genannt, womit die Beendigung kriegerischer Handlungen, nicht ein positiver Friedenszustand gemeint ist.
Wenn wir den Begriff des Friedens auf Basis unseres jüdisch-christlichen Erbes bedenken, erschließt sich uns ein ungeahnter Bedeutungshorizont. Der hebräische, alttestamentliche Begriff „Shalom“, den wir gewöhnlicherweise mit Frieden übersetzen, umfasst weitaus mehr als die Abwesenheit von Kampf und Gewalt. Zum Frieden gehören ebenfalls die Sicherheit des Volkes, eine soziale Ordnung, die den Schutz der Schwachen einschließt und das Wohlergehen des Einzelnen. Zudem ist das Verhältnis zwischen Mensch und Natur für den Frieden relevant, das Fehlen von Missernten und Katastrophen und das Aufhören der Feindschaft zwischen Mensch und Tier. Frieden bezeichnet ergo den Zustand allseitigen, allumfassenden Wohlergehens. Diesen Zustand herzustellen, vermag der Mensch nicht allein aus eigenem Vermögen heraus, denn mit dem Frieden verhält es sich wie mit unserem Fest: er muss gestiftet werden!
Gott ist der Stifter des Friedens der Welt, allerdings ist das Verhalten der Menschen nicht gleichgültig. Sie sollen einhalten, was als recht und gerecht gilt und ein tätiges Sozialverhalten beweisen.
Der Religion, Recht, Politik und Natur umfassende alte Friedensbegriff bietet keine Lösung heutiger Probleme, regt uns jedoch an – unter Berücksichtigung der grundlegenden Unterschiede zwischen der Welt des Alten Orients und unserer hiesigen Gegenwart – die Komplexität und den hohen Anspruch zu erfassen, der mit der Aufgabe des Friedenschaffens und Friedenstiftens verbunden ist.
Niemand käme wohl ernsthaft auf den Gedanken, die Zeit Engelberts und seine spätmittelalterliche Lebenswelt unserer heutigen Spätmoderne vorzuziehen. Aus heutiger Perspektive lebte er in einer für uns düsteren Welt, die von Fremdbestimmung, Ungleichheit, Rechtsunsicherheit und Seuchen geprägt war – Graf Engelbert selbst starb auf Burg Wetter an der Pest.
Wenn wir uns heute im hochfortschrittlichen Deutschland auch im Frieden wähnen und in sicheren Zeiten gegenüber damals, konfrontieren uns noch ältere altorientalische Vorstellungen mit einem Maß, an dem wir uns messen lassen müssen:
Wie steht es um unsere soziale Ordnung und den Schutz der Schwachen?
Wie steht es um das Wohlergehen des Einzelnen?
Wie steht es um das Verhältnis von Mensch und Natur?
Und im Besonderen: wie steht es um das Verhältnis vom Mensch zum Tier?
Vielleicht werden wir vom Frieden sehr viel behutsamer und weniger vollmundig sprechen, wenn wir diese Anfragen bedenken.

Zu diesen Ausführungen hat mich der Gedenktag angeregt. Die Legende um den Grafen ist selbst in regionalhistorischer Betrachtung kaum eine Randnotiz oder Fußnote der Geschichte. Viel wesentlicher ist, was augenscheinlich unbedeutende Biographien und Ereignisse in Gang setzen, dass wir mehr als ein halbes Jahrtausend später uns versammeln, ihrer erinnern und sie an Aktualität gewinnen lassen.