Rede zum Gedenken des Grafen Engelbert III. von der Mark
Stiftskirche Fröndenberg 2017

Wir haben uns heute hier eingefunden, um des Grafen Engelbert III. von der Mark zu gedenken, auf den die Tradition des Bochumer Maiabendfestes zurückgeht.

Vor kurzem ist mir eine Erzählung aus dem orientalischen Raum begegnet, die ich in Gedanken mit der spätmittelalterlichen Legende zur Entstehung unseres Maiabendbrauches verbunden habe und mit der Art und Weise, wie wir heute diesen über 600 Jahre alten kulturellen Brauch begehen.

Zunächst möchte ich die Geschichte mit ihnen teilen:
Ein König wollte einen wichtigen Posten in seiner Regierung neu vergeben und stellte daher alle Männer in seinem Hofstaat auf die Probe. Kräftige und weise Männer umstanden ihn in großer Menge.

"Ihr weisen Männer", sprach der König, "ich habe ein Problem, und ich möchte sehen, wer von euch in der Lage ist, dieses Problem zu lösen."

Er führte die Anwesenden zu einem riesigen Türschloss, so groß, wie es keiner je gesehen hatte. Der König erklärte: "Hier seht ihr das größte und schwerste Schloss, das es in meinem Reich je gab. Wer von euch ist in der Lage, das Schloss zu öffnen?" Ein Teil der Höflinge schüttelte nur verneinend den Kopf. Einige, die zu den Weisen zählten, schauten sich das Schloss näher an, gaben aber zu, sie könnten es nicht schaffen. Als die Weisen dies gesagt hatten, war sich auch der Rest des Hofstaates einig, dieses Problem sei zu schwer, als dass sie es lösen könnten. Nur ein Wesir (in den islamischen Staaten ein Minister) ging an das Schloss heran. Er untersuchte es mit Blicken und Fingern, versuchte, es auf die verschiedensten Arten zu bewegen und zog schließlich mit einem Ruck daran. Und siehe, das Schloss öffnete sich. Das Schloss war nur angelehnt gewesen, nicht ganz zugeschnappt, und es bedurfte nichts weiteres als des Mutes und der Bereitschaft, beherzt zu handeln. Der König sprach: "Du wirst die Stelle am Hof erhalten, denn du verlässt dich nicht nur auf das, was du siehst oder was du hörst, sondern setzt selber deine eigenen Kräfte ein und wagst eine Probe."

Mut und Bereitschaft, beherzt zu handeln: eine passende Beschreibung auch für die Bochumer Junggesellen. Gab es vielleicht auch damals sogenannte „Weise“, die den Bochumern einzureden versuchten, ohne Waffen und in der Unterzahl könne man gegen die bewaffneten Dortmunder ohnehin nichts ausrichten und man hätte keinerlei Chance, den Harpener Bauern das gestohlene Vieh zurückzubringen? Es gab sie bestimmt. Auch wir in der Maiabendgesellschaft kennen diese „Weisen“. Als wir vor einigen Jahren begannen, dass Bochumer Maiabendfest in ein mehrtägiges Stadtfest umzuwandeln, gab es Kritik und vorschnelle Warnungen, unsere Pläne wären nicht umsetzbar. Doch so manches Mal muss man sich selbst immun machen gegen diese Reden und beherzt handeln, mit der Phantasie eines Bochumer Junggesellen und der Courage eines Wesirs. So wie die Junggesellen von Graf Engelbert mit der Stiftung des Maiabendfestes und der Wesir mit einer neuen Position belohnt wurden für ihren Mut, so darf auch ich heute verkünden, dass wir in der Maiabendgesellschaft belohnt worden sind für unsere Arbeit und unseren Einsatz in den vergangenen Jahren. Unser Maiabendfest gehört seit Oktober 2016 zum immateriellen Kulturerbe des Landes NRW. Die Aufnahme unserer jahreszeitlichen Feier in das Landesinventar darf uns alle mit Stolz erfüllen. Wer hätte gedacht ausgehend von der Legende um den Grafen Engelbert, dass seine Feststiftung Anerkennung als Kulturträger unseres Landes finden würde?