Rede zum Zapfenstreich
Bochum 2016

Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Carina Gödecke,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeisterin Eiskirch,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Freunde des Maiabendfestes,

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Freunde des Maiabendfestes,

ich begrüße im Namen der Bochumer Maiabendgesellschaft alle herzlich, die sich hier versammelt haben, um das 628. Maiabendfest in unserer Stadt zu feiern.

Unser Maiabendbrauch ist eines der ältesten Heimatfeste Deutschlands und entstand im Jahr 1388 durch eine Fehde mit Dortmund. Dortmunder Söldner haben von Harpener Bauern eine Horde Vieh geraubt, welches durch die Bochumer Junggesellen zurückerobert werden konnte.
Als Dank für diese Tat gestattete der Landesherr, Graf Engelbert III. von der Mark, den Bochumern auf ewige Zeiten das Recht, sich am Vorabend des 1. Mai einen Eichbaum aus seinen Wäldern zu holen, diesen zu verkaufen und von dem Erlös des Baumes ein Fest zu feiern.

In den vergangenen Jahren ist das Wissen um diese Geschichte und den Hintergrund unseres traditionsreichen Festes leider zurückgegangen, damit einhergehend auch die Kenntnis eines Liedes: Das Bochumer Jungenlied.

Welche Aktualität diese 1802 verfassten 7 Strophen vor dem Hintergrund unserer aktuellen Situation gewinnen können, ist beeindruckend.
Lassen Sie mich die erste Strophe und den Refrain verlesen:

1. Strophe:
Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond,
Es blüht eine Zeit und verwelket,
Was mit uns die Erde bewohnt.
Refrain:
Und kommen wir wieder zusammen
Auf wechselnder Lebensbahn,
sind wir immer noch die Bochumer Jungen,
(Pfiff)
Junge, do kass di drop verloten.

Junge, da kannst du dich drauf verlassen: so lautet der letzte Satz in unser modernes Hochdeutsch übertragen.

„Junge, da kannst du dich drauf verlassen!“

Das soll der Anführer der Bochumer Junggesellen zu den Harpener Bauern gesagt haben. Diese sollten sich, darauf verlassen, dass sie sie dabei unterstützen würden, das von den Dortmundern geraubte Vieh zurückzubekommen. Und auf die Bochumer war Verlass. Durch eine kluge List gelang es ihnen. Sie verfolgten die Dortmunder, die an einer Flussmündung bei Dortmund ruhten, und täuschten durch lautes Pfeifen einen Angriff vor. Die in Panik flüchtenden Dortmunder ließen das geraubte Vieh zurück.

Wenn wir diese Geschichte hören, auf welche Facetten der Erzählung legen wir dann unser Augenmerk? Auf die Rivalität zwischen zwei Gruppen? Oder vielleicht eher auf die Solidarität einer Gemeinschaft?

Es gibt immer wieder Veränderungen hier unter dem wechselnden Mond; bei all der Festtagsstimmung dürfen wir nicht vergessen, dass neue Bürgerinnen und Bürger nach Bochum kommen, Menschen, die darauf angewiesen sind, dass sie sich auf unsere Solidarität und unsere Bereitschaft, ihnen Schutz zu gewähren, verlassen können. Und nicht nur Neuangekommene bedürfen unserer Aufmerksamkeit. Auch in unserer Stadt ereignen sich täglich soziale Ungerechtigkeiten. Wie auch in vielen anderen Städten des Ruhrgebiets leben hier viele Menschen am Existenzminimum und fühlen sich gesellschaftlich ausgegrenzt und im Stich gelassen.

Ich wünsche mir, dass wir in unserem Bochum genau die Werte aufleben lassen und hochhalten, für die das Maischützenfest steht: Hilfsbereitschaft, Mut und den Sinn für Gerechtigkeit. Unsere Stadt profitiert von einem Fest, bei dem alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen sind, bei dem ein jeder fühlt, dass auch zum ihm gesagt wird: Junge, do kass di drop verloten!

Mag sein, dass noch nicht alle diese – unsere – Sprache verstehen, aber viel mehr als Worte können unsere Taten zum Ausdruck bringen, dass wir alte Geschichten nicht nur erzählen, sondern dass deren Geist in unserem Tun präsent ist.

Alleine kann der Mensch wenig bewegen, aber in Gemeinschaft kommen seine Stärke und seine Phantasie zur Geltung.

Die Bochumer Jungen machten sich gemeinschaftlich auf den Weg, den Bauern zu ihrem Recht zu verhelfen und den Dortmundern das Vieh wieder abzunehmen. Nicht mit Gewalt oder ähnlich unüberlegten Kurzschlusshandlungen, sondern mit einem klugen Plan.

Daran erinnert heute noch der Pfiff in dem Lied. Nicht nur bei mir wird in den vergangenen Monaten der Eindruck entstanden sein, dass ein jeder meint – sei es eine Partei oder ein Land –, er kenne die beste Strategie zur Lösung eines Problems oder zur Bewältigung einer Krise.

Mancher meint, er könne Wege im Alleingang schaffen, ohne gemeinsame Wege zu finden. Daran zerbrechen nicht nur Gemeinschaft und Einheit, sondern auf diese Weise wird auch das Kraftpotential verspielt, dass Menschen haben, wenn sie sich gemeinsam auf den Weg begeben.

Ich hoffe, dass Sie während dieser Festtage erleben, was Verbundenheit und ein freudiges Miteinander bedeuten und ich verspreche Ihnen, dass wir Maischützen uns in Gemeinschaft mit anderen Vereinen dafür engagieren!

Junge, do kass di drop verloten!