Rede zum Gedenken des Grafen Engelbert III. von der Mark
Stiftskirche Fröndenberg 2016
Es ist immer wieder beeindruckend, aus wie vielen Perspektiven Menschen Geschichten lesen und mit welch unterschiedlichen Intentionen sie diese auslegen.

Weiterhin erstaunt mich, wie eine mehr als 600 Jahre alte Geschichte, uns in unserer heutigen Zeit noch bewegen und belehren kann.

Wir gedenken heute des Grafen Engelbert III. von der Mark, auf den die Tradition des Bochumer Maiabendfestes zurückgeht.

Graf Engelbert, um 1330 geboren, wusste sich in den spätmittelalterlichen Ränkespielen um territoriale Interessen, Einfluss und Machtbereiche zu behaupten und wir wissen, dass er zur Durchsetzung seiner Ansprüche kriegerische Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn führte. Warum gedenken wir in einer evangelischen Kirche eines Mannes, der zur Durchsetzung seiner Ziele Mittel anwandte, die zwar für seine Zeit üblich, mitnichten aber heute als integer gelten können?

Wenn wir an diesem Tag des Grafen gedenken, dann gedenken wir einer Legende. Einer Legende, die besagt, dass bei der Großen Dort¬munder Fehde im Jahr 1388 bewaffnete Dortmunder den Harpener Bauern Vieh gestohlen haben. Die Bochumer Junggesellen, die gegen die Dortmunder und auf Seiten des Märkischen Grafen waren, konnten dieses Vieh den rechtmäßigen Besitzern durch eine kluge List zurückbringen.
Die Bochumer Junggesellen zogen den Dortmundern nach und fanden diese an einer Flussmündung bei Dortmund ruhen. Durch lautes Pfeifen täuschten sie einen An¬griff vor, woraufhin die Dortmunder panisch flüchteten und das Vieh zurückließen.

Engelbert stiftete ihnen zum Dank das Maiabendfest.

Manche mögen in unserem Gedenken eine Verherrlichung und Auf¬rechterhaltung alter Rivalitäten sehen, andere kritisieren die militaristischen Züge des Maiabendbrauches. Ich jedoch verbinde mit dem Gedenken und Hören dieser Erzählung etwas Anderes, etwas, von dem ich aufrichtig in einer Kirche Zeugnis geben kann.

Wie einfach wäre es für die Bochumer Junggesellen gewesen, die Dortmunder anzugreifen und sich mit ihnen auf einen Kampf einzulassen? Wie einfach machen wir es uns heute, wenn wir glauben, wir könnten uns das Recht auf Vergeltung herausnehmen, wenn wir uns in Unrecht gesetzt fühlen? Die Bochumer entschlossen sich dazu, einem Unrecht nicht mit Gewalt zu begegnen, sondern mit Phantasie.

Ich erwähnte zu Anfang, mit welch unterschiedlichen Blickwinkeln man eine Geschichte betrachten kann. Es mag Zeiten gegeben haben, da die Geschichte des Grafen, der Harpener Bauern und der Bochumer Junggesellen spöttisch, überheblich und vielleicht mit kaum verhohlener Rivalität erzählt wurde. Doch diesem Duktus möchte ich mich nicht anschließen.
Gerade bei ambivalenten Geschichten entscheiden wir es, welche Linie wir stark machen wollen und welche nicht.

Ich bin kein Pfarrer und Prediger; da wir unser Gedenken in einer evangelischen Kirche begehen und im Rahmen eines Gottesdienstes feiern, ist es mir persönlich ein Anliegen, auch die biblisch-christliche Tradition zu Wort kommen zu lassen. Wir sollten uns mit Blick auf unsere eigenen Grundlagen da¬vor hüten zu glauben, dass Gewalt und Kriegsverherrlichung immer nur bei den Anderen vorkommen. Auch wir finden in unserem biblischen Kanon zutiefst ambivalente Texte.
Auf der einen Seite war Krieg eine Realität der biblischen Lebenswelt und es existieren unschöne Hetztexte gegen Fremde und Gegner des Gottesvolkes. Auf der anderen Seite ziehen sich durch die gesamte Bibel Hoffnungstexte; nicht erst im Neuen Testament, sondern auch im Alten Testament lesen wir von der prophetischen Vision, dass alle Menschen in Frieden leben, dass Schwerter zu Pflugscharen werden und kein Mensch mehr lernen wird, Krieg zu führen (Jesaja 2,1-5).
Es ist an uns zu entscheiden, welche biblische Linie wir her¬vorheben und welcher wir nachfolgen. Es ist an uns zu entscheiden, wie wir alte Bräuche heute so inszenieren, dass sie vom Wert der Solidarität und des Mutes zeugen und nicht der Zwietracht. Es ist an uns zu entscheiden, wie wir Geschichten so erzählen, dass nicht die Gegnerschaft im Mittelpunkt steht, sondern die Überwindung der Gegnerschaft. Es ist an uns, Geschichten so zu erzählen, dass nicht das Unrecht in die Mitte rückt, sondern letztlich gerechter Friede.

Und so können wir zuversichtlich der Geschichte des Grafen Engel¬bert gedenken, da wir in dem Gedenken Werte finden, die wir hoffnungsvoll weitergeben können.