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Rede zur Kranzniederlegung 2015

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Zum Gedenken des Grafen Engelbert

Liebe Freunde des Maiabendfestes,
anlässlich des 627. Jahrestags unseres Stadtfestes gedenken wir des Grafen Engelbert von der Mark, auf den der Bochumer Maiabendbrauch zurückgeht und der hier in Fröndenberg seine letzte Ruhe gefunden hat.
Welchen Sinn hat es einer Person und Ereignissen zu gedenken, die der Epoche des Spätmittelalters angehören?
Dieses Totengedenken heißt nicht gegenwartsvergessen der Großen Dortmunder Fehde, gestohlenem und zurückgewonnenem Vieh zu gedenken, es bedeutet insbesondere, sich der Werte zu erinnern, die mit der alten Tradition verbunden sind: Solidarität, Verbundenheit, Gemeinschaft, Mut und Hilfsbereitschaft.
Ich verstehe unser Brauchtum als Feier all derjenigen, die sich zu diesen Werten bekennen und sie gemeinschaftlich hochhalten gegen jene, die über den Stolz auf die eigene Tradition, auf das „Eigene“, die Offenheit und Integrationen anderer vermissen lassen.

Die jüngsten Nachrichten aus unserem Land hinsichtlich dieser genannten Werte stimmen mich nachdenklich. Verbundenheit und Hilfsbereitschaft zu leben, scheint uns leichter zu fallen, wenn wir sie unter unseresgleichen praktizieren, also: in den eigenen Reihen, mit Menschen, die uns durch gleiche Nationalität, Kultur, Religion verbunden sind. Geht es um Fremde – unabhängig davon, was die Anderen zu Fremden macht – verspüren wir Barrieren.

Wie solidarisch zeigen wir uns mit denen, deren  „Gut“ genommen wurde?
Wie verbunden fühlen wir uns mit Menschen, denen Ungerechtigkeit widerfahren ist und die uns um Aufnahme, Hilfe und Gerechtigkeit bitten?
Haben wir Empathie für Menschen, deren wirtschaftliche Existenz ruiniert ist und die eine Chance bei uns möchten?
Können wir nachempfinden, wie ein Menschenleben unter der Willkürherrschaft despotischer Gruppen sich anfühlt?

Es beeindruckt mich, welch ungeahnte Aktualität die Legende um den Grafen Engelbert, die Harpener Bauern und die Bochumer Junggesellen entfaltet und uns dazu anregt, nicht in der Vergangenheit zu bleiben, sondern zu hinterfragen, wie es um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und unseren Mut zur Tatkraft bestellt ist.

Ein anderer Gedenktag fand vor kurzem statt: am 11. April jährte sich zum 70. Mal der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. „Nie wieder“, lautet eine Parole, die immer zu solchen Anlässen ertönt, aber dunkle Schatten liegen auf diesem hehren Anspruch. Denn auch im Jahr 2015 fliegen Steine, auch im Jahr 2015 brennen Häuser. Ich bin nicht nur fassungslos über die tiefe Verwurzelung des Hasses, sondern auch über die tiefen Risse, die unser Ansehen in der Welt bekommt. Es scheint zu einer traurigen Tradition zu werden, dass eine kleine, aber beständige Gruppe von Menschen meint, Gastfreundschaft und Willkommenskultur mit Füßen zu treten.
Im vollen Bewusstsein der eigenen Vergangenheit ist es an uns – auch als noch so kleiner Verbund von Menschen – zu bezeugen, dass geistige sowie tatsächlich Brandstiftung und Aggression keine Traditionen sind, die wir pflegen und weitergeben wollen. Mit unserem Engagement lassen wir die Traditionen weiterleben, die im Geist des Friedens, der Freude und der Verbundenheit stehen.

Ich freue mich auf ein Fest aller Bochumer und heiße im Namen der Maiabendgesellschaft Gäste herzlich willkommen und ermuntere Sie alle, dem Fremden den Becher zu reichen mit einem kräftigen Blau-Weiß.