Dr. Karl Arnold Kortum

(ur) Karl Arnold Kortum, volkstümlicher Humorist, wurde am 5. Juli 1745 in Mülheim an der Ruhr geboren, wo sein Vater eine kleine Apotheke besaß. Nach absolvierten Gymnasialstudien in Dortmund bezog er die Universität in Duisburg und ließ sich nach seiner Verheiratung in Bochum, einem damals kleinen Städtchen, als "Facharzt für innere Krankheiten" bzw. "Bergarzt" nieder. Am 15.08.1824 nahm ihm der "Sensenmann", der Karl Arnold Kortum in seiner "Jobsiade" so oft beschrieben hatte, Skallpell und Feder aus der Hand. Auf dem alten parkähnlichen Friedhof, dem heutigen Kortumpark, ruht er unter hohen Bäumen. Seine Gruft liegt neben den neuen Wasserspielen an der Wittener Straße, die von seiner Praxis im heutigen Stadtkern Bochums in Richtung Altenbochum führt.

Mit glücklichem Witz und einer starken satirischen Ader begabt, schuf er 1784 das komische Epos "Leben, Meinungen und Thaten von Hieronymus Jobs, dem Candidaten", kurzweg: "Die Jobsjade" (1799) genannt, in der der Dichter das Leben der deutschen Kleinstädter und Philister, der Gelehrten und Pedanten seiner Zeit mit überzeugender Wahrheit in den köstlichsten Knittelversen schilderte und mit grotesken Holzschnitten bebilderte, zu denen auch W. Busch Karikaturen erstellte.

Das Epos erregte sofort bei seinem Erscheinen das größte Aufsehen und fand die weiteste Verbreitung, und noch heute hat Kortums poetische Glanzleistung, unbestritten das beste komische Heldengedicht unserer Literatur, nicht von seiner frische und Ursprünglichkeit verloren.

Als Proben lassen wir drei in sich abgeschlossene Teile des Werkes, den charakterlichen Brief Jobsens an seine Eltern nebst Antwort des Vaters, sowie das unübertreffliche "Examen" folgen, dessen drastische Komik Meister Hasenclevers Stift so lebensvoll veranschaulicht hat.

Hieronimus Jobs schreibt an seine Eltern


Sehr geliebteste Eltern!
Ich melde hierbei,
dass es mir fehlet an Gelde
habet also die Gewogenheit
Und schicket mit bald eine Kleinigkeit.

Nämlich etwa 20 bis 30 Ducaten
Denn ich weiß mir kaum mehr zu rathen
Weil es alles so knapp geht hier
Drum sendet doch dieses Geld bald mir.

Alles ist hier ganz schrecklich theuer
Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer
Und was sonst etwa vorfällt noch
Drum schicket die 30 Ducaten doch.

Kaum begreift ihr die starke Ausgabe
Welche ich auf der Universität habe
für so viele Bücher und Collegia
Ach wären doch die 30 Ducaten schon da!

Ich studiere täglich recht fleißig.
Sendet mir doch nächstens 30
Ducaten, so bald als möglich ist, her
Denn mein Beutel ist jämmerlich leer.

Wäsche, Schuhe, Strümpfe und Kleider
Friseur, Näherin, Schuster und Schneider
Tinte, Feder, Bleistift, Papier
kosten viel, schickt die Ducaten mir.

Das Geld, welches ihr hoffentlich bald sendet
Wird, ich schwör´es euch, gut angewendet.
Ja, liebe Eltern! ich behelfe mich
Sehr genau und höchst kümmerlich.

Wenn andere Studenten saufen und schwärmen
So entziehe ich mich allem wilden Lärmen
Und schließ mich mit den Büchern allein
Auf meiner Studirkammer weislich ein.

Außer den nöthigen Kosten und Speise
Spar ich, liebe Eltern! auf alle Weise
Und trink vor`n Durst kaum einmal Thee
Denn Geld ausgeben thut schrecklich mir weh.

Andere Studenten, die lüderlich prassen
Thun mich wegen meiner Eingezogenheit hassen
Und sagen: das geht der Knicker einher
Er studirt, als wen er ein Pfarrer schon wär.

Manchen Verdruß sie drob schon mir machen,
Ich thu aber ihre Spötterei verachten
Und was man von meiner Frömmigkeit spricht.
Vergeßt doch die die 30 Ducaten nicht!

Täglich hab`ich mich zehn ganze Stunden
In den Collegiis bisher eingefunden
Und wann dann diese Collegia aus
Studir`ich in übrigen Stunden zu Haus.

Die Profeffors sind trefflich mit mir zufrieden
Und rathen fast, mich nicht so zu ermüden
In meinem beständigen Studiis
Philosphicis und Theologicis.

Es möchte sich zwar nicht geziemen
Mich gegen euch, liebe Eltern! selber zu rühmen
Doch sage und versich`r ich euch frei
Dass ich der fleißigste von Allen sei.

Oft will mir von allen gelehrten Dingen
Fast der Kopf, sammt dem Hirn, zerspringen
Und manchmal wird mir gar wunderlich.
(U propos! die Ducaten erwarte ich.)

Ja, liebe Eltern! ich lese schier beständig,
Und strap`ziere meine Sinnen sehr elendig
Und meistentheils wird sogar die Nacht
Mit tiefem Meditiren zugebracht.

Nähstens gedenk`ich auf die Kanzel zu steigen
Und mich einmal im Predigen zu zeigen!
Ich disputir`mich auch im Collegium
Ueber gelhrte Materien tapfer herum.

Vergesset doch nicht die Ducaten zu schicken
Das ich sie schier baldigst möge erblicken.
Ihr bekommt einst dafür in meiner Person
Einen hochgelehrten und klugen Sohn.

Da ich auch ein Privatissimum gesonnen
zu halten und wirklich schon begonnen
Welches 20 Reichthaler kosten thut:
So erwart`ich auch diese wohlgemuth.

Auch thu ich euch, liebe Eltern! zu wissen
Dass ich jüngst meinen Rock sehr zerrissen
Also füget zu obigen Geldern doch
zwölf Thaler zum neuen Rocke noch.

Habe auch neue Stiefel sehr nöthig
Es ist auch kein Schlafrock mehr vorräthig
Imgleichen sind meine Pantoffeln und Hut
Auch andere Kleidungsstücke caput.

Da ich nun dies alles nicht kann entbehren
Wollt ihr mir noch a part 4 Louisdòr verehren
Welche alsdann zur Nothdurst mein
Vielleicht möchten hinreichend sein.

Ich bin auch kürzlich todtkrank gewesen
Und kaum mit genauer Noth wieder genesen
Daich versich`re ich euch mit Hand und Mund
Dass ich itzo sei wieder ziemlich gesund.

Der Medicus, welcher mich curiret
hat 18 Gulden aufgeführet
Und die aus der Apotheke gebrauchte Arznei
Machet, laut Rechnung, zwanzig und drei.

Damit nun der Arzt und Apotheker kriegen
Das ihre, werdet ihr gütigst fügen
Diese ein und viezig Gulden dazu.
Seid übrigens wegen meiner Gesundheit in Ruh.

Die Aufwärterin, welche mich that laben
In der Krankheit, möchte auch wol was haben.
Drum sendet noch sieben Gulden dafür
Und addressiert`s mit dem übrigen an mir.

Für Citronen, Geleen und Confituren
Zur Stärkung kranker und schwacher naturen
Steht auch noch als eine kleiner Rest
Acht Gulden bei dem Conditor fest.

Diese bemeldte Posten allzumalen
Möcht ich gerne nächstens richtig bezahlen
Denn ich liebe Ordnung und hüte mich
Vor allen Schulden sorgfältiglich.

Ich traue also zu euren milden Händen
Dass sie mir Alles, nebst 30 Ducaten senden
Sobald als euch es möglich wird sein.
Noch fällt mir eine Kleinigkeit ein:

Vor 15 Tagen hatte ich`s Unglücke,
Und fiel hoch von der Treppe zurücke
Als ich ging ins Collegium
Und stieß mir den rechten Arm fast krumm.

Der Chirurgus verlangte derohalben
Zwölf Thaler für Balsam, Pflaster und Salben
Spiritus und sonstige Schmiererei;
Drum thut auch diese zwölft Thaler noch bei!

Doch damit ihr euch nicht alteriret
Ich bin, Gottlob! ganz wieder curiret
Und geh`mit gesundem Arm und Bein
Täglich in das Collegium ein.

Nur habe ich einen sehr schwachen magen
Die Aerzte, die ich consultirt habe, sagen
Das käme vom vielen Sitzen hier
Und weil ich so erstaunlich fleißig wär.

Sie haben mir dieserhalben angerathen:
Warmen Burgunderwein, mit Zimmt und Muskaten
Des Morgens zu trinken statt des Thee
Das wäre gut für´s magenweh.

Leget also noch bei zwei Pistolen
Um dafür Burgunder und Würze zu holen;
Gewiß, liebe Eltern! ich trinke es nur
Blos zur verordneten Magencur.

Endlich habe ich noch einige Schulden
Von etwa 30 bis 40 Gulden
Schicket mir also auch ohne Fehl
Liebe Eltern! dies Bagatell.

Könnte ich, neben bei, für andere Ausgaben
Auch noch ein Dutzend Louisd`or haben
So käme mir dieses recht bequem
Und wäre mir wirklich auch angenehm.

Wenn ihr euch übrigens gesund befindet
Und nächstens im Briefe mir verkündet
So wird mir dieses erfreulich sein
Schließt aber auch ja das Geld mit ein.

Hiermit will ich also mein Schreiben beschließen
Meine Geschwister thu ich freundlich grüßen
Und verharre hierauf zum Schluß
Euer gehorsamer Sohn Hieronmus

Ich setze noch eilig zum Postcripte:
Meine hochgeehrte sehr geliebte
Eltern! ich bitte kindlich
Schicket doch bald das Geld an mich.

Denn, lieber Vater! ich legte bei 14 französische Kronen
Zurück, sie bis zur äußersten Noth zu schonen;
Alleim zum größten Schmerz und Verdruß
Stahl mir solche gestern ein Anonymus.

Ich weiß, ihr ersetzt mir, ohne drum zu bitten
Den Schaden, den ich unschuldig erlitten
Denn Ihr, als ein hochvernünftiger Mann
Begreift leicht, dass ich solchen nicht tragen kann.

Ich werde, indeß möglichst dafür sorgen
Dass der Anonymus heute oder morgen
Zu eurer Beruhigung oder Saticfaction
Bekomme den hanfenen Strick zum Lohn.

 

Des Vaters Antwort
Was hierauf des Vaters Antwort gewesen
Das soll man gleichermaßen nun lesen:
Mein herzvielgeliebtester Sohn!
Dein Schreiben hab`ich erhalten schon

Und deine Gesundheit und Wohlergehen
Mit Vergnügen aus demselbigen ersehen;
Jedoch vergnügt es mich eben nicht
Dass dein Brief wieder von Gelde spricht.

Es sind noch nicht drei Monate vergangen
Da du hundert und fünfzig Thaler empfangen
Fast weiß ich nicht, wo in aller Welt
Ich nehmen soll das alle das Geld.

Ich höre gern auch, dass du studirest
Und dich fleißig und ordentlich aufführest
Aber höchst ungern vernehm ich von dir
Dass du 30 Ducaten forderst von mir.

Fast, mein Sohn! sollte ich sagen und glauben
(Du wirst mir meine Anmerkung erlauben)
Dass, wenn man auf der Universität
Sparsam ist, nicht so viel nötig hätt`.

Zwaren ist es wol gewiß und sicher
Man hat nicht umsonst Collegia und Bücher
Jedoch bekommt man für solche Summ`
Manches Buch und Collegium.

Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer
Kann auch unmöglich sein so theuer
Auch Federn, Bleistift, Tinte, Papier
Kaufst du für wenige Groschen g`nug dir.

Ich vernehme es zwar auch sehr gerne
Dass du dich von böser Gesellschaft ferne
Hält`st, und auf der Studirstube sitzst.
Und bei den geliebten Büchern schwitzst;

Auch daneben nur Thee thust trinken;
Indessen wills mir wahrschienlich dünken
Dass, wenn man über den Büchern ruht
Und Thee trinkt, nicht 30 Ducaten verthut.

Wenn dich Andre einen Knicker schelten
So mag dieses gleich viel gelten;
Doch, wer so viel Geld verschwendet als du
Dem kommt der name Knicker nicht zu.

Weil du übrigens von deinem Fleiße schreibest
So rathe ich, dass du fein dabei verbleibest
Damit das Geld und die edle Zeit
Angewandt werde in Nützlichkeit.

Doch mußt du dich nicht so sehr angreifen
Und im Kopf so viel Gelehrsamkeit häufen
Denn es trifft, leider! mannischmal ein
Dass große Gelehrte meist narren sein.

Dein Vorsatz, zu predigen, Thut mir gefallen
Drum üb dich fleißig darin vor allem;
Aber, bei vieler Disputation
Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn!

Wozu auch das Privatissimum nützet,
Wenn man schon zehn Stunden im Collegio sitzet
Das begreif` ich um destoweniger wol
Da es 20 REichthaler kosten soll.

Doch lasse ich´s vor allen andern passieren:
Denn das Geld, welches du zum Studieren
Gebrauchchest, gebe ich gerne her
Und wenn`s auch noch dreimal soviel wär.

Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen
So kannst du freilich einen neuen nicht missen
Jedoch das Tuch würde suprafein
Für die verlangten zwölf Thaler sein.

Wer aber zum Pfarrherrn will studiren
Muß nicht mit kostbaren Kleidern stolzieren;
Drum wäre ein etwas gröberes Tuch
Zum neuen Rocke dir gut genug.

Auch für noch sontige Kleidungsstücke
Willst du, dass ich vier Louisd`or schicke
Nämlich für Schlafrock, Pantoffel und Hut
Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut.

Wenn ich aber solches allzumalen
Posten für Posten sonders soll bezahlen
Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein!
Die verlangten dreizig Ducaten sein?

Ich habe es mit Mitleiden gelesen
Dass du jüngsthin todtkrank gewesen;
Aber du hast nich wohl gethan
Dass du viele Arznei gewendet an.

Denn ich habe oft und viel erfahren
Dass, besonders in den jüngeren Jahren
Die sich selbst überlassene Natur
Mehr wirkt, als die beste Mixtur.

Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien
Sind fast theuer zum Verabscheuen
Und wie mir dünken sollte, so ist
Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ.

Auch eine Wärterin, wie ich gelesen
In der Krankheit bei dir ist gewesen;
So reicht für die Aufwärterin
Statt sieben, ein einziger Gulden hin;

Wenn Sie nicht etwa sonst, vor diesen
Liebesdienste anderer Art dir erwiesen,
Denn, lieber Sohn! Ich schließ dies
Schier aus den sieben Gulden gewiß.

Was nun den Conditor anlanget
Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget
So wäre gewesen ein Thaler genung
Und du warest gewißlich nicht klug.

Denn Citronen, Confitüren und Leckereien
Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen
Aber ein Hafer - und Gerstentrank
Nutzet weit mehr, wenn man ist krank.

Es ist nicht gut, dass du bist gefallen
Von der Treppe, drum sorge ja für allen
Dass du hinfüro nicht wieder fällst
Denn die Cur beträget viel Gelds.

Dein Wundarzt hat dich recht hergenommen
Denn für zwölf Thaler, wie ich vernommen
Heilt unser berühmter Stadtbarbier
Einen Arm- oder Beinbruch schier.

Doch freut`s mich, dass dein Arm wieder curiret;
Denn wenn ein Pfarrer auf der kanzel peroriret
So muß der Arm geschmeidig und fein
Beim Klopfen und Gestusmachen sein.

Ich muß dich ferner auch herzlich beklagen
Wegen deinem sehr schwachen Magen;
Mein Magen ist, leider! auch nicht viel nütz
Weil ich sehr öfters zu Rahte sitz.

Indes thut Burgunder mit Gewürzen
Dich nur unnöthig in Kosten stürzen;
Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein
Das soll sehr gut für den Magen sein.

Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden
haben, zur Bezahlung einiger Schulden;
Ich sinne nun bin, die Kreuz und Queer
Beim Himmer! wo kommen die Schulden doch her?

Du hast schon alles specifiziert
Und Posten für Posten zum höchsten aufgeführet
Und vierzig Gulden, bei meiner Seel!
Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell.

Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pistolen
Zu anderen Ausgaben für dich herbei holen;
Es wäre dir vielleicht zwar angenehm
Mir aber kommt`s höchst unbequem.

Denn mit den verlangten 30 Ducaten
Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen
Dieses letztere Duzend Louisd`or
Komt mir also als Überfluß vor.

Auch mit dem Ersatz der dir gestohlnen 14 Kronen
hättest du mich billig sollen verschonen
Denn, wahrlich! der Ersatz schmerzt mir
Weit mehr, als der angebliche Verlust dir.

Dass du übrigens zu meinem Troste willst verlangen
Mann solle den Dieb sans facon drum aufhangen
Dieses wäre gewiß gar nicht christlich
Vielleicht bessert sich Anonymus einst noch sich.

Ueberhaupt muß ich dir im Vertrauen sagen:
In unsern heutigen aufgeklärten Tagen
Ist Gottlob! die heilige Justiz
Nicht wie ehemals so scharf und spitz.

Und um den Raub solcher Kleinigkeiten
Braucht keiner mehr die doppelte Leiter zu beschreiten
Wenigstens in unserem klugen Schildburg
Gehen viel größere Diebe frei und frank durch.

Wenn du künftig Gelder willst aufsparen
So rahte ichm solche vorsicht`ger zu bewahren;
Denn auf keinem Dinge in der Welt
Wird so allgemein speculiet als auf Geld.

Ich und deine Mutter verstehn es besser
Wir bewahren unsre Baarschaft hinter Riegel und Schlösser
Und geben sowohl bei Tag als bei nacht
Darauf sehr sorgfältig und ängstlich Acht.

Doch um deinen Geldmangel zu stillen
Will ich noch einmal den Verlangen erfüllen
Und ich sende die Gelder mancherlei
Im versiegelten leinenen Sack hiebei.

Jedoch muß ich dir hienebst andeuten
Es sind heur gar nahrlose Zeiten
Und es fällt mir wahrlich gar schwer
Alle Gelder zu nehmen woher.

Mit dem Handel gibt`s nur Kleinigkeiten
Denn es ist kein Geld unter den Leuten
Und die Ratsherrnschaft wirft auch nicht viel ab
Drum sind meine Einkünfte so knapp.

Ich werdes es also sehr gerne sehen
Wenn du von der Universität thust gehen
Zumalen da du, zu dieser Frist
Gewißlich schon ausgelernet bist.

Denn wenn du noch länger allda bleibest
Und das kostbare Studiren forttreibest
So werde ich noch zum armen Mann
Und keine Gelder mehr schaffen kann.

Wir werden dich hier mit großem Verlangen
Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen
Besonders freut deine Mutter sich
Auf deine Zuhausekunft inniglich.

Ich möchte dir gern etwas Neues schreiben
Es thut aber Alles hier beim Alten bleiben;
Ich bin indessen früh und spat
Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath.

Da haben wir, in Pleno, thun dichten
Um verschiedene Änderungen einzurichten
Damit in der hiesigen Polizei
Alles fein sauber und ordentlich sein.

Deine Mutter hat an Zähnen viel ausgestanden;
Aber ein großer Wundarzt aus fremden landen
Vor einigen Tagen hier kam
Und die bösen Zähne wegnahm.

Deine Schwester Gertrud hat einen Freier
Es ist der Procurator Herr Geier;
Die Sache ist schon gekommen sehr weit
Und die Gertrud ist schon ziemlich bereit.

Unser Pfarrer ist immer kränklich
Man hält seinen Zustand für bedenklich
Stürbe einst dieser rechtschaffene Mann
So würd`st du vielleicht unser Pfarrer dann.

Unsers reichen Nachbars sein Lieschen
Vermeldet die ein herzliches Grüßchen.
Das Mädchen wird wirklich artig und fein
Und könnte einst deine Frau Pfarrerin sein.

Endlich grüßen dich allesammt wieder
Deine sämmtlichen Schestern und Brüder
Sie freuen sich über dein Wohlergehn
Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehn.

Ich beharre übrigens
Dein treuer Vater
Hans Jobs, pro tempore Senater.

N.B. Dein Schreiben mir zwar gefällt
Aber verschone mich weiter mit Geld.

 

Das Examen
In desß ist es beim Entschlusse geblieben
Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben
Die ganze hochehrwürdige Klerikei
Zu Hieronimus Examen herbei.

Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre
Des nahen Examens zu Muthe ware
Und sein gemachtes ängstliches Gesicht
Dies alles begreift der Leser nicht.

Es wäre also solches zu Schildern vergebens
Sie fürchterlichste Stunde seines Lebens
Nahte nunmehro, endlich herzu;
Ach! du armer Hieronimus, du!

Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen
Der geistlichen Herrn, welche zum Examen
Aus jeder Gegend der Schwäbischen Welt
Am bestimmten tage sich eingestellt.

Der erste war der Herr Inspector
In der Lehre stark wie ein andrer Sector
Ein stattlicher dickgebauchter Mann;
Man sah ihm gleich den Inspector an.

Seine Verdienste schafften ihm diese Würde;
Er trug seines Amtes Bürde
Geduldig und mit gar frohem Muth
Und aß und trak täglich gut.

Nach ihm kam der geistliche Assesser
Ein Mann von Person zwar etwas größer
Doch an Körper und Waden dünn
Und von etwas mürrischen Sinn.

Er triebe nebst der geistlichen Sache
Verschiedene Stücke aus dem ökonomischen Fache
Und trank nur Bier und schlechten Wein
Denn seine Einkünfte waren klein.

Auch Herr Krager, ein Mann von hohen Jahren
In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren
Die er, so oft die Gelegenheit kam
Seinen Satz zu erweisen, hernahm.

Auch Herr Krisch, ein Mann von guten Sitten
Ungemein stark in Postillen beritten;
Wobei er sich so gut und noch besser befand
Als der beste Pfarrer im Schwabenland.

Auch Herr Beff, ein weidlicher Linguiste
Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe
Im Vortrag ein ewiges Einerlei
Doch niemals gegen Orthodorei.

Auch Herr Schrei, stark in der Rede
Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blöde
Lebte übrings munter und frisch
Mit seiner Köchin exemplarisch.

Auch Herr von Plotz, ein Mann wie ein Engel
Er hatte zwar in der Jugend viel Mängel
Nachdem er aner sein Amt trat an
Ward er ein gar frommer Mann

Er hielt seine hochgeliebte Gemeine
Von allen Lastern und bösem Wesen reine
Und strafte zur Zeit und zur Unzeit
Alle und jedem doch nach Gegebenheit.

Auch Herr Reffer, nie müde in Lehr` und Strafen
Er nahm sich treulich am seiner Schafen
Doch fande sich in der Herde sein
Mancher hartnäckiger Bock mit ein.

Oft war er, um sie zurechte zu führen,
Er deshalb genöthigt zu processiren
Denn er verstand die Jura, in der That
So gut als der beste Advocat.

Außer diesen obengenannten kamen
Noch mehr geistliche Herren zum Examen
Die ich nicht alle Mann für Mann
Sogar genau mehr nennen kann.

Als nun die ganze geistliche Schare
Der hochehrwürdigen Herren beisammen ware
So setzten, praemissis praemittendis,
sich alls um einen großen Tisch.

Hieronimus trat mit Zittern un Zagen
Vor die sämmtliche Gesellschaft der weißen Kragen
Und scharrete ihnen demüthig den Gruß.
Oh weh dir! oh weh dir! Hieronimus!

Zuvorderst erkundigten die Examinatores
Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores
Und fragten ihn bald, ob er auch hätt´
Ein Zeugniß von der Universität?

Hieronimus, ohne donderliche Umstände
Gab das Attest in des Inspektors Hände
Welcher dasselbe alsbald das lus;
Oh weh dir! oh weh dir! Hieronimus!

Es war zwar, wie oben schon angeführet
In Lataim in Grieschisch concipiret
Folglich zu lesen ein schweres Stück;
Doch verstand zu allem Unglück

Der Inspector etwas von den Sprachen
Um hier die nöthigste Dollmetschung zu machen;
Denn für jeden andern geistlichen Herr
War die Uebersetzung zu schwer.

Damit nun hier nicht möge fehlen
Will ich dem geneigten Leser erzählen
Was eigentlich in dem Attestat
Von Wort zu Wort gestanden hat.

Zuerst Name und Titel vom Professer
Und in drei Buchstaben etwas größer
Wünschte er, durch L.B.S. dem
Lectori Benevolo Salutem!

Sintemal und immaßen drei Jahre
und einige Wochen hieselbst ware
Herr Hieronimus Jobsius
Als Theologiä Studiosus;

Derselbe aber abzureisen nunmehro
Ernstlich ist gesonnen, und dero-
halben um ein schriftliches Attestat
Mich geziemendermaßen bat:

So habe ich nicht unterlassen können
Ihme solches schriftliches Zeugniß zu gönnen:
Daß derselbe alle viertel Jahr
Bei mir einmal im Collegio war.

Ob er sich sonst noch des Studirens privatim beflissen
Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen
Dann in diesem schriftlichen Bericht
Behaupte und zeuge ich solches nicht.

Und von seinem sonstigen Betragen
Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen
Allein die christliche Liebe will
Dass ich davon schweige still.

Uebrigens wünsch`ich ihm auf alle Weise
Hiedurch eine glückliche Abreise
Und der gütige Himmel leite ihn
Künftig zu allem Guten hin!

Was man für große Augen gemachet
Und daß Her Hieronimus nicht gelachet
Als man den Inhalt fand dergestalt
Ein solches begreifet der Leser alsbald.

Indeß ist es für diesmal so geschehen
Daß man die Sache hat übersehen
Und man redete von dem Attest
Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best`.

Denn die Herren dachten weislich zurücke
Daß sie auch wol viele lustige Stücke
Auf Academien getrieben vor dem;
Man schritte also weiter ad rem.

Der Herr Inspector machte den Anfang
Hustete viermal mit starkem Klang
Schnäuzte und räusperte auch viermal sich
Und fragte, indem er den Bauch strich:

Ich, als zeitlicher pro tempore Inspector
Und der hiesigen Geistlichkeit Direktor
Frage Sie: Quid sit Episcopus?
Alsbald antwortete Hieronimus:

Ein Bischof ist, wie ich denke
Ein sehr angenehmes Getränke
Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft
Und wärmet und stärket mit großer Kraft.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun hub der Assessor an zu fragen:
Her Hieronimus! thun Sie mir sagen
Wer die Apostel gewesen sind?
Hieronimus antwortete geschwind:

Apostel nennt man große Krüge
Darin gebet Wein und Bier zur G`nüge
Auf den Dörfern und sonst beim Schmaus
Trinken die durstigen Burschen daraus.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun traf die Reihe den Herrn Krager
Und er sprach: Herr Candidat! sag` Er,
Wer war der heilige Augustinus?
Hieronimus antwortete kühne:

Ich habe nie gehört oder gelsen
Daß ein andrer Ausgustinus gewesen
Als der Universitätspedell Augustinus
Er citirte mich oft zum Prorector hin.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun folgte Herr Krisch ohn Verweilen
Und fragte: Aus wie vielen Theilen
Muß eine gute Predigt bestehn
Wenn Sie nach Regeln sollte geschehn?

Hieronimus, nachdem er sich eine Weile
Bedacht, sprach: die Predigt hat zwei Theile
Den einen Theil Niemand verstehen kann
Den anderen Theil aber verstehet man.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun fragte Herr Beff der Linguiste:
Ob Herr Hieronimus auch wol wüßte,
Was das hebräische Kübbuz sei?
Und Hieronimus antwortete frei:

Das Buch, genannt Sophiens Reisen
Von Memel nach Sachsen, Thut es beweisen
Daß sie den mürrischen Rübbuz bekam
Weil sie den reichen Puff früher nicht nahm.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun kam auch an den Herrn Schreie
Den Hieronimus zu fragen die Reihe
Er fragte also: Wie mancherlei
Die Gattung der Engel eigentlich sei?

Hieronimus that die Antwort geben:
Er kenne zwar nicht alle Engel eben
Doch wär ihm ein blauer Engel bekannt
Auf dem Schilde an der Schenke, zum Engel, genannt.

Über diese Antwort des Candidaten, Jobses
Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Herr Plotz hat nun fortgefahren
Zu fragen: Herr Candidate! wie viel waren
Concilia oecumenica?
Und Hieronimus antwortete da:

Als ich auf der Universität studieret
Ward ich oft vor`s Concilium citiret
Doch betraf solsches Concilium nie
Sachen aus der Oeconomie.

Über diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah allmeines Schüttlen des Kopfes
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun folgte Herr Reffer, der geisliche Herre
Seine Frage schien zu beantworten sehr schwere
Sie betraf der Manichaäer Ketzerei
Und was ihr Glaube gewesen sei?

Antwort: Ja, diese einfältigen Teufel
Glaubten, ich würde sie ohne Zweifel
Vor meiner Abreise bezahlen noch
Ich habe sie aber geprellt doch.

Über diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah allmeines Schüttlen des Kopfes
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Die übrigen Fragen, welche man proponiret
Lasse ich hier aus Mangel des Raumes unberühret;
Denn sonst machte das Protocoll
Wol mehr als sieben Bogen voll.

Sintemal man noch vieles gefraget
Worauf Hieronimus die Antwort gesaget
Auf obige Weise Stück vor Stück
Aus Dogmatik, Polemik und Hermeneutik.

Imgleichen sonst noch manche Sachen
Aus der Kirchenhistoria und Sprachen
Und was man einen geistlichen Mann
Sonst wohl zur Prüfung noch fragen kann.

Ueber alle Antworten des Candidaten Jobses
Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Als nun die Prüfung zu Ende gekommen
Hat Hieronimus deine Abtritt genommen
Damit man die Sache nach Kirchenrecht
In reife Ueberlegung nehmen möcht´:

Ob es mit gutem Gewissen zu rathen
Dass man in die Kalsse der Candidaten
Des heiligen Ministerii den
Hieronimus aufnehmen könn`.

Es ging also an ein Votiren
Doch ohne vieles Disputiren
Ward man enig alsobald:
Es könne zwar dermal und solchergestalt

Herr Hieronimus es gar nicht verlangen
Den Candidaten-Orden zu empfangen
Jedoch aus besondrer Consideration
Wollte man stille schweigen davon.

Es hat auch wirklich in vielen Jahren
Kein Fremder davon etwas erfahren
Sondern Jedermann hielt früh und spat
Den Hieronimus für einen Candidat.

 

Chronik des Bochumer Maibendfestes