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Kranzniederlegung 2008

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 Kranzniederlegung

 

 

 

 

Die Eröffnungsrede des Junggesellenhauptmanns:

 

Normalerweise beginne ich meist mit einem Zitat, aber als ich letzten Sonntag zu Hause saß und nach einem passenden Zitat für die Eröffnung meiner Rede gesucht habe, habe ich nichts gefunden, was die Aussage über Freundschaft von Goethe im letzten Jahr übertrumpfen konnte.

 

Da ihr ja wisst, das ich die Freundschaft zwischen den Bochumern und den Fröndenbergern besonders hoch schätze, muss ich ja nicht noch mal eine lange Rede halten über dieses Thema.

 

Daher werde ich diesmal über einen Zustand sprechen, der sich bei mir einstellt, wenn es für mich in Richtung Fröndenberg geht.

 

Ich freue mich jedes Mal, denn irgendwie ist es für mich ein kleiner Urlaub kurz vor unserem Maiabendfest. Weit ab von der Großstadthektik des Ruhrgebietes in dieser ländlichen Idylle kann ich noch mal richtig frische Luft tanken, bevor unsere Maiabendfestwoche richtig beginnt und wir nächste Woche Samstag den Eichbaum aus Harpen holen.

 

Jeder kennt das, wenn man in den Urlaub fährt. Ist man irgendwo das erste mal, braucht man 3 Tage länger um sich einzugewöhnen und um zu entspannen. Fährt man an einen Ort, an dem man schon ein paar mal war, ist man mit der Umgebung vertraut und fühlt sich sofort wohl und ist glücklich. Genau so ist es hier, wobei man nicht oft herkommen muss um sich einzugewöhnen, das geht sehr schnell hier, wo Hönne und Ruhr zusammentreffen.

 

Als ich im Februar zur Gastvereinsbesprechung gefahren bin, hing über dem Ruhrgebiet richtig dicker Nebel. In der dreiviertel Stunde Fahrzeit ließ ich den Termin des Kranzniederlegen im letzten Jahr Revue passieren, und auf der A40 mitten im Stau in Dortmund fielen mir die Leute in den Autos neben mir auf, die mich fragend ansahen. Wahrscheinlich fragten die sich, warum der Kerl die dem Schmuddelwetter so dermaßen grinsen kann - der Typ muss glücklich sein.

 

Manchmal braucht es nicht viel um ein bisschen Glück zu erleben. Nette Menschen und eine schöne Umgebung zum wohlfühlen - das bekommt man hier in Fröndenberg.

 

Doch dann ist mir doch noch eins eingefallen. Vor 2000 Jahren sagte der römische Kaiser und Feldherr Marcus Aurelius:

 

„Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab."

 

Wie dem auch sein, ich werde gleich in aller Stille den Gottesdienst genießen, und anschließend in der Schützenhalle mit Euch entspannt ein Gläschen Bier trinken - bei solchen tollen Momenten kann man nur auf positive und schöne Gedanken kommen - also lasst uns zusammen das Glück erleben.

 

Ich freue mich darauf Euch nächste Woche in Bochum zum 620.Maiabendfest begrüßen zu dürfen.

 

Auf das Glück, Fröndenberg und Bochum ein dreimaliges blau und grün weiß.

 

 

 

 

 

Die Rede des Vorsitzenden Volker Protzel in der Stiftskirche:

 

Wir feiern in diesem Jahr das 620. Bochumer Maiabendfest. Der Hilfsakt der jongen Gesellen Bokhems im Kampf des Grafen Engelbert III. von der Mark gegen die freie Reichs- und Hansestadt Dortmund begründete dieses älteste Heimatfest Nordrhein Westfalens. Anno 1388 war das auf ewige Zeiten geltende Legat des Grafen eine sehr noble Dankesgeste und es hatte einen überaus großen geldwerten Vorteil. Es war das Privileg der jongen Gesellen Bokhems jedes Jahr aufs Neue am Vorabend des 1. Mai sich ein Fest durch den Verkauf eines gräflichen Baumes ausrichten zu dürfen. Baumerlös und Festteilnehmer standen damals in einem äußerst guten rechnerischen Verhältnis.

 

Immer war es ein Fest des Frohsinns und der guten Laune, größtmöglich frei von Zwängen und Verboten, ein Fest des freien Bochumer Bürgertums, unabhängig von temporären politischen Überzeugungen und wirtschaftlichen Krisen. Ein Fest für das Volk, gestiftet vor Jahrhunderten für Jahrtausende, ja für die Ewigkeit.

Im Laufe seiner bisherigen Geschichte gab es für das Maiabendfest gute und schlechte Zeiten. Und immer wieder waren es engagierte Bürger, die sich gerade in schlechten Zeiten der Bedeutung dieses für Bochum außergewöhnlichen und einzigartigen Festes bewusst waren und es mit Kraft und Zusammenhalt zu neuer Blüte erweckt und hochgehalten haben. Dabei konnten sie sich stets auf die Hilfe der Stadt Bochum verlassen. Ohne die jährliche Unterstützung der Stadt Bochum gäbe es das Maiabendfest heute nicht mehr - zumindest nicht in der aktuellen Form. Dafür spreche ich der Stadt Bochum den Dank der Maiabendgesellschaft aus.

Das Maiabendfest hatte schon immer einen Alleinstellungsstatus. Vergleichbares gab es und gibt es nicht in Bochum und auch nicht darüber hinaus.

 

Betrachten wir die neuere Entwicklung des Maiabendfestes im 20. Jahrhundert, so befand sich das Bochumer Maiabendfest in den 30er Jahren in einer Krise. Die Beteiligung hatte merklich nachgelassen und kaum mehr als 100 Einträge verzeichnete die Schützenrolle für den Ausmarsch nach Harpen. Das Maiabendfest wurde nur noch als Vereinsveranstaltung betrachtet und sein Charakter als Volksfest schien verloren zu gehen.

 

1948 nach den schweren Kriegzeiten hatten sich zum Ausmarsch nach Harpen 250 Junggesellen eingeschrieben, im Jahre 1950 waren es 400 und 1953 1.500 Maischützen einschließlich der teilnehmenden Bochumer Schützenvereine. Die ganze Stadt stand damals Kopf! Die neue Blüte des Maiabendfestes ging mit dem Aufblühen der Stadt Bochum einher. Mangels fehlender Alternativen hatte das Maiabendfest Alleinstellungs- und Volksfestcharakter und führte zwangsläufig damals zu einem städtischen Ausnahmezustand.

 
 
 

Heute im 21. Jahrhundert sind es ca. 3000 Teilnehmer beim Ausmarsch nach Harpen. Eine enorme Steigerung der Teilnehmerzahlen!

 
 

Und doch wird dieser Alleinstellungsstatus und Ausnahmecharakter in der heutigen Zeit nicht mehr so klar wahr genommen. Im jährlichen Veranstaltungskalender von Bochum Marketing ist das Maiabendfest ein Fest unter vielen. Neben den beworbenen April-Events wie Fischmarkt, Frühjahrsflohmarkt, Stadteilkirmes und offener Sonntag in Bochumer Stadtteil Linden ist unser schönes Maiabendfest im Kalender von Bochum-Marketing sogar zum Maischützenfest umdeklariert worden.

 

Warum? Unsere Zeit ist schnelllebig, die Bürger wollen ihren Spaß, ihren momentanen Kick, und dazu gibt es im zusammengewachsenem Ruhrgebiet ein Überangebot von Möglichkeiten im Bereich der Freizeitgestaltung.

 
 

Sich in diesem Umfeld mit einem Traditionsfest zu positionieren wird immer schwieriger, und der früher selbstverständliche städtische Ausnahmezustand müsste heute sehr teuer erkauft werden. Unser vaterstädtische Fest soll seit jeher helfen, die Liebe zur Heimat und zur Vaterstadt zu wecken, und am Leben zu erhalten. Ein durchaus GEMEINNÜTZIGES Ziel, welches wir als Bochumer Maiabendgesellschaft jährlich zu managen haben.

 

Das moderne Eventmanagement fordert im Bereich der gemeinnützigen Vereinsarbeit seinen Tribut:

 

Wenn heute bürgerschaftliches Engagement der Verantwortlichen im Maiabendfest zum Drahtseilakt zwischen hoheitlichen ordnungs- und finanzrechtlichen Vorschriften wird, und die persönliche Haftung der ehrenamtlich verantwortlich Tätigen Vorrang vor dem eigentlichen Gemeinsinn eines solchen Festes bekommt, kann von einem Volksfestcharakter des Maiabendfestes nicht gesprochen werden.

 

Wenn für die organisatorische Abwicklung des Maiabendfestes immer mehr Technokraten, Verwaltungsfachleute, zu bezahlende für das Fest in neuester Zeit notwendig gewordene Dienstleistungen, Rechtsanwälte und Steuerberater gebraucht werden, so sind wir weit entfernt von dem, was unser Graf Engelbert sich damals wohl vorgestellt hatte.

 

Wenn die finanzielle Unterstützung der Stadt Bochum zum größten Teil in für den normalen Ablauf des Festes heute notwendig gewordene Dienstleistungen fließt, bleibt kaum Platz für Perspektiven des Maiabendfestes.

 

Das Maiabendfest und damit auch die Bochumer Maiabendgesellschaft stehen heute am Scheideweg zwischen Gemeinnutz und Kommerz, zwischen Selbstverantwortung und zugewiesener Statistenrolle, zwischen Organisationshoheit und käuflichem Eventmanagement.

 

Welchen Weg das Maiabendfest letztlich nimmt, hängt von uns allen ab.

 

Das Maiabendfest braucht wieder einen städtischen Ausnahmezustand, um langfristig überleben zu können! Ganz einfach: Wir müssen Trommeln, um gehört zu werden! Ob dieser Ausnahmezustand noch zukünftig mit einfacher gemeinütziger Vereinsarbeit zu bewältigen ist, wage ich zu bezweifeln. In der

 

Fußballersprache gesagt: Wer in die Regionalliga will, muss auch finanziell die Grenzen der Kreisklasse verlassen können.

 

Eine Stadt tut gut daran, sich neben teuren zeitgemäßen Kulturhighlights auch ein ureigenes Volks- und Heimatfestfest zu leisten, und sich damit zu ihren historisch gewachsenen Wurzeln zu bekennen. Bochum hat Vielseitigkeit und Vielfalt. Aber ohne das Maiabendfest ist auch Bochum nicht denkbar.

 

Die Zeiten ändern sich rasant und das Maiabendfest ist in seiner gewachsenen Größe immer noch eine reine Vereinsveranstaltung mit Volksfestcharakter.

 
 

Ein echtes Volksfest bedeutet in der heutigen Zeit Zusammenarbeit aller Kräfte bei erhöhtem finanziellem Aufwand. Soll das Maiabendfest wieder zum Fest des Volkes werden und soll es zukünftig nicht nur für Teile des Volkes gelten, ist die Stadt Bochum die Kaufmannschaft und die Bochumer Maiabendgesellschaft hierbei in besonderer Verantwortung.

 

Ein ausgewachsener Eichbaum reicht heute dafür nicht mehr aus. Ob Graf Engelbert wohl mit sich reden ließe....?

 

Lasst uns nun im Andenken an sein großzügiges Legat einen Kranz niederlegen.