Drucken

"Sunne" an der Beckporte (RN)

am .

"Sunne" an der Beckporte

Petrus muss ein Bochumer sein. Im hellen Sonnenschein trugen die Junggesellenschützen am Samstag ihre Eiche durch die Beckporte und erfüllten damit zum 613. Mal wortgetreu das Legat des Grafen Engelbert. Nicht nur bei irgendeinem grauen Tageslicht, wie im Kontrakt von 1388 festgelegt, sondern bei strahlend blau-weißem Himmel passierte das geehrte Gewächs den inneren Stadtring. "Sunne! Sunne!" hieß es unter der Beckporte - der Freudenschrei der Maikerls und -mädels entlohnte für die Strapazen des langen Marsches nach Harpen. Der hatte noch unter ganz anderen Wetterzeichen morgens auf dem Husemannplatz begonnen - da hatte nur Bochums Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber die Hoffnung, wenigstens in Harpen "blau-weißes Wetter" vorzufinden: "Maiabendfest heißt Ausmarsch, ob`s schneit, ob`s regnet. Auch Baustellen können uns nicht aufhalten" so der entschlossene OB augenzwinkernd, bevor er sich mit Junggesellenhauptmann Thorsten Horn an die Spitze des Zuges setzte.

Feucht aber fröhlich

Wacker schritten sie in den kühlen Sprühregen hinaus, der Hauptmann erstmals wie alle anderen auf eigenen Füßen, da die Hufe der Pferde auch in Bochum von der Klauenseuche bedroht sind - ein Novum im Traditionsmarsch. So wurden auch die flotten Kutschen von Traktoren gezogen, die Polizei eskortierte per Motorrad. Die heroische Entschlossenheit der den feuchten Naturgewalten trotzenden Schar brachte auch die Bürger auf die Beine: Die Polizei schätzte 40 000 Zuschauer entlang der Strecke zum Harpener Bockholt, die den durchweichten Tross enthusiastisch feierten.

Und der zeigte sich des in ihn gesetzten Vertrauens würdig. Das Wasser troff von den Lackmützen, rieselte in die Instrumente, fand seinen Weg in Schuhe und Kleidung, dennoch dachte keine der 97 teilnehmenden Gruppen an Umkehr oder an Mogelei, weder die Nordhäuser Trachtengruppe mit Hexe und Roland, noch die Skater des Stadtsportbundes. Lediglich Ministerpräsident und "Bochumer Jung" Wolfgang Clement drehte in Höhe der Stahlwerke auf der Castroper Straße um - die Eishockey-WM rief.

Der Rest stapfte mit klingendem Spiel unverdrossen weiter - und dann geschah das Wunder doch noch. Kurz vor dem Reich des Harpener Sonnenkönigs Wilhelm Albert, genannt Schürenhöfer, riss der Himmel auf, die Welt war wieder blau-weiß und also in Ordnung. Wenn sie auch im Schlamm versank. Das Bockholt zollte dem tagelangen Regen jetzt Tribut, wie auch so mancher Lackschuh und manche weiße Hose. Sonnenkönig Wilhelm war es daher ein persönliches Anliegen, den versammelten Heerbann der Bochumer wieder aufzubauen: "Ich verspreche euch, im nächsten Jahr wird alles besser."

Beim Sonnekönig

Ein Mann, ein Wort. Da konnte der Vorsitzende der Maiabendgesellschaft, Volker Protzel, auch gleich kurz und knapp zur Sache kommen, als er nach dem "Schwimmwettkampf" endlich das Podium erreichte: "Also Wilhelm: Wo ist die Eiche? Und wo ist die Suppe?" Der so Geforderte zierte sich nicht, rückte Baum und Suppe raus, jedoch nicht ohne angesichts des Überfalls der Bochumer Übermacht kleine Seitenhiebe zu verteilen. Erst mokierte sich der wettergewaltige Harpener über die sauberen Schuhe des Oberbürgermeisters, dann kriegte der Hauptmann sein Fett weg: "Das große Baby", so nannte ihn der Sonnenkönig liebevoll, sei "zum Mann, einem Pfundskerl" geworden, dem er gerne die Eiche aushändigen wolle.

Gesagt, getan, im Triumph trugen die Junggesellen die edle Pflanze zurück zur Innenstadt - jetzt bei prachtvollem Wetter und noch besserer Laune. Das sollte natürlich immer so sein und deshalb machte Volker Protzel, zurückgekehrt auf den Husemannplatz kurzen Prozess: "Wir werden diesen blau-weißen Himmel in Stein meißeln." Basta.

Nach der Pflicht die Kür: Mit der Versteigerung der drei Silbertaler für einen guten Zweck (Erlös: 1900 Mark) und der Aufführung des Streits um die Auszahlung der Zinstaler schlossen die Junggesellen ihr 613. Maiabendfest würdig ab. Wieder waren sie ihrem Hauptmann nach Harpen gefolgt, wieder hatten sie das Legat erfüllt und so den Eichbaum und eines der ältesten Heimatfeste in ein neues Jahrtausend überführt.PvD

Quelle: Ruhr Nachrichten (Bochum)