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Kranzniederlegung am Sarkophag in Fröndenberg 2004

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 Kranzniederlegung am Sarkophag in Fröndenberg 2004

 
Die Rede des 1. Vorsitzenden Volker Protzel in der Stiftskirche:

Maiabendfest als Teil des lokalen Sozialvermögens

 

In der nächsten Woche feiern wir in Bochum das 616. Maiabendfest. Am Anfang des Festes anno 1388 stand das Vermögen - und nicht etwa das Unvermögen - der kleinen Ackerschaft Bochum, etwas für die Allgemeinheit zu tun: Hilfe zu leisten. Bochumer Junggesellen brachten damals das Vermögen der Harpener Bauern, eine Herde Vieh, welches zuvor von den Dortmundern gestohlen wurde, zurück. Eine Hilfe, die dem Grafen Engelbert von der Mark in seiner Fehde mit den Dortmundern sehr gelegen kam. Als Dank stiftete Graf Engelbert den Junggesellen auf alle Zeiten Kapital in Form eines ausgewachsenen Eichbaumes aus den Waldungen des Bockholtes, mit dessen Verkaufserlös das Maiabendfest in Bochum finanziert wurde. Das Kapital des Grafen kam dem Feiern in der Ackerschaft Bochum, also einem gemeinschaftlichem Zweck zugute - es war quasi Sozialkapital. Zunächst feierte man im Rahmen kleiner überschaubarer Anfänge - erst 1790 wurde das Fest erstmals schriftlich festgehalten und schon damals als uralte Bochumer Tradition von Carl Arnold Kortum bezeichnet. Schon ein Jahr früher 1769 einigten sich die Harpener Bauern und die Bochumer Junggesellen auf eine jährliche Ablösesumme von 8 Reichstaler. 1848 investierte der Bochumer Magistrat in Harpen beim Bauer Köster 200 Reichstaler, die per Hypothek abgesichert waren. 4 % Zinsen (8 Zinstaler) musste der Bauer Köster jährlich an die Junggesellen für das Maiabendfest auszahlen. 1876 gab er das Kapital an die Stadt zurück, weil sie die ab dann übliche 5 % Verzinsung haben wollte. Der Magistrat eröffnete bei der städtischen Sparkasse ein Konto unter dem Namen "Kösters Kapital zum Auszug nach Harpen" und der Junggesellenhauptmann ließ sich jährlich die Zinsen aus dem Kapital auszahlen. Das Kapital wuchs stetig an. Es überstand sogar den 1. Weltkrieg und die Inflation. Erst im Rahmen der Währungsreform 1948 wurde das Konto ohne Ausgleich liquidiert und auch die Beträge nicht mehr aufgewertet. Die heutige Zinstalerauszahlung hat nur symbolischen Charakter. Auch heute noch steht das Kapital im Vordergrund. Denn ohne Kapital ist kein Fest zu machen. Die Stadt Bochum hat seit 1948 das Maiabendfest im Rahmen ihrer Haushaltsplanung berücksichtigt und mit diesem finanziellem Engagement sein Überleben bis zum heutigen Tage mit garantiert. Ich bin mir sicher, dass alle politisch Verantwortlichen, die diese Unterstützung mitgetragen haben und heute noch mittragen, den Wert, den das Bochumer Maiabendfest gerade für den Zusammenhalt der Bochumer hat, richtig erkannt haben. Heute leben wir (noch) in einer der bevölkerungsstärksten Metropolregionen Europas. Grenzen fallen in den Köpfen und auf dem Reißbrett. Kirchturmdenken soll, wenn man Unkenrufen traut, keine Zukunft mehr haben. Städte schrumpfen im Rahmen eines urbanen Rückbildungsvorgangs. Dieser Rückbildungsvorgang ist ein Resultat des Übergangs von der Industrie- zur Dienstleistungsgeselschaft. Bei all dieser Entwicklung: Wo steht da noch, wo bleibt da noch ein Bürgerfest wie das Bochumer Maiabendfest? Ein Schlüssel für die Lösung postindustrieller Gesellschaften ist in kleinräumlichen sozialen Beziehungen und Bindungen zu suchen. Die räumliche Mikroebene einer Zivilgesellschaft ist unmittelbar an lokale Identität geknüpt. Nicht die Aufholjagd ist Leitlinie einer erfolgversprechenden Politik, sonders das "Besonders- Sein". Der Habitus und die Mentalitäten der Menschen sowie eingespielte soziale Beziehungen werden zu einer Qualität des Raumes, die auch für den ökonomischen Erfolg entscheidend ist. Bei aller ziellosen Fluktuation der Bevölkerung müssen kontinuierlich Menschen vorhanden sein, die das heimat- und nachbarschaftliche Gewebe spinnen und festigen. Solche Gewebe sind das unersetzliche soziale Kapital einer Großstadt. Wenn dieses Kapital aus irgendeinem Grunde verloren geht, dann versiegen auch die Einkünfte daraus. Das Maiabendfest bietet ist seit 616 Jahren ein jedes Jahr aufs neue identitätsstiftendes Ereignis. Es führt die Bochumer zusammen und ist Ausdruck des bürgerschaftlichen Engagements. Es stiftet Vertrauen, spendet Zugehörigkeits- und Verantwortungsgefühle und fördert den zwischenmenschlichen Kontakt. Und es gibt den Bochumern das Gefühl, etwas Besonderes unter den Metropolbürgern der Ruhr zu sein. Damit gehört das Maiabendfest zum Sozialvermögen der Gemeinschaft der Bochumer. Dieses Sozialvermögen wird von der Bochumer Maiabendgesellschaft behütet und verwaltet. Mit dem Vermögen geht man sorgsam um und man mehrt es und pflegt es. Finanzielle und menschliche Investitionen in das Maiabendfest sind niemals verloren. Die Zinsen aus dem eingesetzten Geld- und Menschenkapital lassen jedes Jahr auf Neue Bochum blau-weiß leuchten und uns daran erinnern, das uns das Ureigene Flair und unsere Geschichte niemals fremd wird. Mit dem Maiabendfest hat Bochum seit Graf Engelberts Zeiten Qualität bewiesen. Diese lokale, individuelle Besonderheit im Maiabendfest stellt auch heute noch einen Entwicklungsvorteil im Wandel des Entwicklungspfades moderner Gesellschaften dar. Wie seit alten Zeiten wird auch in Zukunft das in das Maiabendfest investierte Kapital unseren Nachfahren als Zinsen ökonomisch und menschlich zugute kommen. Im Bewusstsein der gegenwärtigen Verantwortung vor der Geschichte und der Zukunft lasst uns den Gedenkkranz am Grabe des Stifters des Bochumer Maiabendfestes niederlegen. Volker Protzel Vorsitzender Bochumer Maiabendgesellschaft 1388 e.V.