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Kranzniederlegung am Sarkophag des Grafen 2002

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Kranzniederlegung am Sarkophag des Grafen 2002 
 
Am 21.04.02 versammelten sich die vier Kompanien am Kirmesplatz an der Castroper Strasse, um gemeinsam nach Fröndenberg zu fahren. Es ist schon eine liebe Tradition geworden, am Sonntag vor dem Ausmarsch nach Harpen nach Fröndenberg zu fahren, um am Grabe des Grafen Engelbert III. von der Mark in der Stiftskirche einen Kranz nieder zu legen.
Gemeinsam mit den Fröndenberger Schützenvereinen marschierte die Bochumer Maiabendgesellschaft zur Stiftskirche, wo wir von Bürgermeister Krause begrüsst wurden. Beim anschliessenden Gedenkgottesdienst in der Stiftskirche verwies der Vorsitzende der Maiabendgesellschaft Volker Protzel mit den Worten des Bochumer Schriftstellers und Arztes Kortum auf die mündliche Überlieferung des Maiabendfestes, welches wir in diesem Jahr schon zum 614.-male feiern.
Im Anschluss an diesen Gedenkgottesdienst verbrachte die Bochumer Maiabendgesellschaft mit den Fröndenbergern noch ein paar schöne Stunden, bevor wir am späten Nachmittag wieder gen Bochum fuhren.
 
Die Rede vom 1. Vorsitzenden Volker Protzel:
 
Wir stehen hier am Grabe Graf Engelbert III. von der Mark, um ihm als Stifter unseres schönen Bochumer Maiabendfestes mit einer Kranzniederlegung zu gedenken. Seine Stiftung aus dem Jahre 1388 ist historisch nicht zu belegen; der mündlichen Überlieferung nach, wird sie bis auf den heutigen Tage jedes Jahr erneut als überkommenes Recht von den Bochumer Junggesellen eingefordert. Wenn das Bochumer Maiabendfest die Jahrhunderte überdauert hat, so liegt dies an der Kraft gerade der mündlichen Überlieferung.
Alle Kulturen der Welt stützen sich auf die mündliche Überlieferung und wir als Bewahrer des Bochumer Maiabendfestes tun nichts anderes. Denn die mündliche Überlieferung ist uralt und kann nicht dankbar genug erachtet werden. In der mündlichen Überlieferung liegt eine gewisse Poesie der Einbildungskraft und des Gefühls. Sie ist vergangenheitsorientiert und wird von Generation zu Generation weiter gegeben.
Dazu gehört zunächst ein gewisses Behagen an der Gegenwart, ein Gefühl von dem hohen Werte derselben. Zuerst wird das von den Vätern vernommene im Gedächtnis verankern und man überliefert solches in fabelhafte Umhüllungen, denn mündliche Überlieferung wird immer märchenhaft wachsen. Man sollte sich jedoch davor hüten, in die Überlieferung mehr hinein zu interpretieren, wie in ihr tatsächlich vorhanden ist. Der Ursprung, der zur mündlichen Überlieferung geführt hat, darf nicht aus den Augen verloren werden.
Das Bochumer Maiabendfest hat seinen Charme und Charakter in all den Jahrhunderten bewahrt, weil wir näher dem Ursprung sind, als manche vielleicht glauben mögen.
Im Jahre 1790 veröffentlichte Carl Arnold Kortum in seiner Nachricht vom ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt Bochum die erste, heute noch erhaltene Beschreibung des Bochumer Maiabendfestes. Sie bietet dem Leser nicht nur einen detaillierten Eindruck vom Ablauf des Festes in jener Zeit, sondern gewährt auch einen Rückblick in die Vergangenheit des Festes, insbesondere bestätigt sie die Existenz einer uralten mündlichen Überlieferung, wonach das Fest auf eine Stiftung der ersten Grafen von der Mark zurückgehen soll. Lassen wir Kortum selbst sprechen: "Ferner gehöret hieher die Abholung des Maybaumes. Seit undenklichen Jahren hatten die Bürgerjunggesellen das Recht, in einem, eine Stunde weit von der Stadt gelegenen Walde in der Bauernschaft Harpen gelegen, das Bockholt genannt, den besten Baum einmal im Jahre zu wählen, welche sie den Maybaum nannten. Sie hieben denselben um, brachten ihn in die Stadt, machten einem Vornehmen damit ein Geschenk und erhielten dafür ein besseres Gegengeschenk an Gelde zur Verzehrung. Bey der Abholung des Baumes mussten, wenn die Junggesellen nicht ihres Rechtes verlustig seyn wollten, immer folgende Umstände genau beachtet werden: Die Junggesellenschaft mit ihrem Hauptmanne und übrigen Offizieren zog mit Trommeln, Pfeiffen und Fahnen am ersten May des Morgens in guter Ordnung aus. Schon seit drey Tagen vorher, wurde diese vorzunehmende Handlung mit Trommelschlag und Ausruf in der Ganzen Stadt, täglich dreymal bekannt gemacht und alle Jünglinge aufgefordert, sich zeitig im Quartier des Hauptmanns zu versammeln, um den Maybaum zur rechten Zeit zu holen. Sobald sie sämtlich im Walde angekommen waren, wurde der Baum gefällt und auf einem mitgebrachten Wagen geladen. Dieser durfte nicht mit Poferden gezogen werden, sondern die Junggesellen spannten sich vor und zogen ihn, da mittlerweile die Trommelschläger und Musikanten sich auf den Baum rücklings setzten und mitziehen ließen, und unter dem Fortfahren wacker lärmten und spielten. Vor Sonnenuntergang musste der Wagen mit dem Baume schlechterdings in dem Gebiete der Stadt, innerhalb der Landwehre seyn. Wenn sie ihn soweit glücklich gebracht hatten, dann enstund ein lauter Jubel. Auf eben diese Weise wurde derselbe vollends in die Stadt durchs Becktor gezogen und keiner durfte sich weigern Hand anzulegen." Mag das Bochumer Maiabendfest auch seit dem 18. Jahrhundert vielfache Veränderungen erfahren haben, so ist der Kern des Festes bis auf den heutigen Tage symbolisch erhalten geblieben. Zu den tragenden Elementen des Maiabendfestes gehören auch heute noch die Ankündigung und das Werben für das Maiabendfest, der Ausmarsch nach Harpen, die Einholung eines Baumes, das Verbringen des Baumes durch das Becktor in die ehemalige Landwehre vor Sonnenuntergang, die Übergabe des Baumes an einen Vornehmen, die Auszahlung der Zinstaler, das Amt des Junggesellenhauptmanns und vieles andere mehr. Folglich sind wir heute nach 614 Jahren näher der mündlichen Überlieferung denn je. Und stehen somit in der Tradition unserer Vorväter und im gegebenen und ererbten Rechte des Grafen Engelbert III. von der Mark. Legen wir nun im stillen Gedenken den Kranz am Grabe nieder und lassen die mahnenden Worte des großen deutschen Dichterfürsten Goethe zu Tradition und Überlieferung in uns nachklingen: Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort, Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte Und rücken sacht von Ort zu Ort. Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; Weh dir, dass du ein Enkel bist! Vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist leider nie die Frage.