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Rede in der Stiftskirche Fröndenberg

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Die Rede unseres Vorsitzenden Volker Protzel in der Stiftskirche Fröndenberg 2001

Das Bochumer Maiabendfest im Spiegel der Zukunftsvorstellungen des Mittelalters.
Ein auf ihn gerichtetes Spottgedicht der Dortmunder nahm Graf Engelbert III. von der Mark zum Anlaß, der freeine Reichs- und Hansestadt Dortmund die Fehde anzusagen, in deren Verlauf 1388 die jongen Gesellen Bochums für ihren tatkräftigen Einsatz bei der Zurückeroberung einer geraubten Viehherde das Recht als Stiftung erhielten, alljährlich am Vorabend des 1. Mai einen Eichbaum aus den gräflichen Waldungen im Bockholt einzuholen und aus dem Erlös des Baumes das Maiabendfest zu feiern. Eine aus heutiger Sicht und im Ablauf der Weltgeschichte eher belanglose Begebenheit - und doch fordern die Junggesellen Bochums das Legat des Grafen in diesem Jahr zum 613. Male ein. Hatte Graf Engelbert sich eine derartige zeitliche Dimension seines Legates überhaupt vorstellen können und war der Ursprung des Maiabendfestes wirlich so bedeutungslos, wie er uns heute erscheint? Für die Beantwortung dieser Fragen müssen die Zukunftsvorstellungen des Mittelalters einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Das mittelalterliche Denken über das Kommende hat mit den heutigen Vorstellungen von der Zukunft, mit unserer Fortschrittsgläubigkeit im Bereich der Technik. Der Medizin, ja der menschlichen Erkenntnis überhaupt. Nichts gemeinsam. Hinzu kommt, dass unsere Gegenwart nicht im geringsten den Zukunftsvorstellungen des Mittelalters entspricht. Für den mittelalterlichen Mensch war die Zukunft sein eigener Tod und was danach folgt. Das Leben nach dem Tode wurde als eine Fortsetzung der im Diesseits begonnenen Existenz verstanden. Diese Auffassung lasst den Tod im Gegensatz zur heute verbreiteten Vorstellung nicht als alles beendende oder zumindest alles verändernde Zäsur erscheinen, sondern als ein Tor, das in beide Richtungen innerhalb gewisser Grenzen durchlässig bleibt. So galt ein Verstorbener nach seinem Tod auch nicht als in unendliche Ferne entrückt, sondern weiterhin als Mitglied der Gemeinschaft, der er zeitlebens angehört hatte. Die Toten blieben unter den Lebenden gegenwärtig. Allerdings war ihre Vergegenwärtigung auf die Hilfe der Lebenden angewiesen; die sozialen Bindungen, die im Leben bestanden, mussten sozusagen über den Tod hinaus gerettet und aktiviert werden. Denn die Toten bedurften der Memoria - des erinnernden Gedenkens - durch die Lebenden, um nicht ewiger Vergessenheit und Verdammnis anheim zu fallen. Der Grundgedanke der über den Tod hinausreichenden Gemeinschaft war der Glaube an die Möglichkeit der Hilfe vom Diesseits ins Jenseits, die durch das Gedenken und Gebetsleistungen gewahrt werden konnte, denn die Toten können die Versäumnissse und Verfehlungen ihrer Erdentage selbst nicht mehr ausgleichen. Deshalb war die Memoria, das ehrende Andenken - insbesondere für die Königsdynastien und Adelsgeschlechter des Mittelalters ein konstitutives Element ihrer Lebensphilosophie. Die Zukunftsvorstellung des Mittelalters konzentrierte sich auf den Tod und die Existenz nach dem Tode. Den Kontrast zu unsrer Gegenwart, die den Tod allenthalben zu verdrängen sucht, verdeutlicht Carl Friedrich von Weizsäcker, wenn er darauf hinweist, dass wahrscheinlich keine Menschheit jedem Tode gegenüber so ratlos gewesen sei, wie die heutige. Vor diesem historischen Verständnis der Zukunftsvorstellungen des Mittelalters kommt das Spottgedicht der Dortmunder einer für den Grafen Engelbert vernichtenden Zukunftsprognose gleich, denn es ließ nichts Gutes an dem Grafen - es war ein Angriff auf sein ehrendes Andenken. Das Erreichen eines ehrenden Andenkens - einer Memoria - war die Triebkraft des mittelalterlichen Handelns und die Vorstellungen von der Zukunft reduzierte sich auf diese. Diese Vorsorge für die Zukunft der Seele schloss insbesondere Schenkungen und Stiftungen mit ein. Gerade das Mittelalter boomte von Schenkungen und Stiftungen, denn das Mittelalter selbst hat sich nie als solches empfunden, sondern als Endzeit der Menschheitsgeschichte. Graf Engelbert übte aus Sparsamkeit Zurückhaltung in Bezug auf die Verteilung von Schenkungen und Stiftungen - dies ist historisch belegt. Insofern kommt der Stiftung des Bochumer Maiabendfestes eine besondere Bedeutung während seiner Amtszeit zu. Im übrigen konnte man im Mittelalter durch Armenspeisungen frevelhafte Taten ausgleichen. Geht man von den Zukunftsvorstellungen des Mittelalters aus, so erscheinen Spottgedicht, Fehdeansage, Stiftung des Bochumer Maiabendfestes und die berühmte Totenklage für einen sehr edlen Mann in einem ursächlichen und logischen Zusammenhang. Die mittelalterlichen Menschen haben beim Vorausschreiten das Gesicht nach rückwärts gewand, denn ihre Zukunft lag hinter ihnen. Unserer heutigen Gegenwart eignet ein völlig anderes Geschichtsbewusstsein. Ein stetiger und beständiger Fortschritt im Diesseits erscheint uns trotz gelegentlicher Rückschläge sicher. Nahezu täglich neue Erkenntnisse in Medizin, Technik, Weltraumforschung und Informatik vermitteln diese Gewissheit. Fortgeschritten glauben wir uns aber auch in den Bereichen der Sittlichkeit und Geistigkeit, da wir uns von den dogmatischen Fesseln des finsteren Mittelalters gelöst und befreit haben. Die Bochumer haben seit 613 Jahren einem liebenden Andenken die Treue gehalten. Das Bochumer Maiabendfest ist mittlerweile zum größten heimatverbundenen Fest des Reviers geworden, bei dem zigtausende von Menschen im Gedenken an seinen Stifter zusammen feiern. Das wir dies auch noch im Jahre 2001 tun, hat Graf Engelbert aus seiner Zukunftsvorstellung heraus wohl sicher nicht erwartet, aber für sich erhofft. Hoffen wir, dass bei allem Kommenden, die liebende Erinnerung für den einzelnen Menschen und sein Lebenswerk in unserer Gemeinschaft der Lebenden doch noch eine Rolle spielen wird. In diesem Sinne wollen wir jetzt den Kranz niederlegen.