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628. Maiabendfest 2016

Das Bochumer Maiabendfest ist ein identitätsstiftendes Heimatfest, das seine Besucher Jahr für Jahr neu begeistert. Denn die eigene Heimat, ihre unverwechselbaren Rituale, Traditionen und Bräuche werden in Zeiten der Globalisierung für den Zusammenhalt immer wichtiger. Ein besonderes Gefühl der Zusammengehörigkeit lässt sich immer wieder vor den Bühnen erleben. In diesem Jahr sind es sogar zwei: Die Hauptbühne steht nun mitten auf dem Boulevard – mit einer Breite von 10 Metern und der neusten Technik inklusive Videowand steht sie für ein Live-Erlebnis vom Feinsten. Die Hightech-Bühne auf dem Boulevard wird ergänzt um die historische Bühne am Kuhhirten. Hier tummeln sich Minnesänger, Dudelsackspieler und Feuerspucker, werden Ritterkämpfe und Fechtduelle gezeigt. Freuen Sie sich auf vier bunte Tage rund um den Bochumer Maiabend. Wir freuen uns, Ihnen wieder ein tolles Programm präsentieren zu dürfen.
Sie wissen ja: nicht verpassen!

Donnerstag, 28. April 2016 - Eröffnung des Maiabendfestes und Westfälischer Brauchtumsabend auf dem Bongard-Boulevard

Freitag, 29. April 2016 - Ökumenischer Gottesdienst,  Marsch durch die Innenstadt, Großer Zapfenstreich

Samstag, 30. April 2016 - Ausmarsch nach Harpen, gr. Festumzug und Einmarsch in die Innenstadt anschl. Maiabendfest

Sonntag, 1. Mai 2016 - Kindertag

Rede zum Zapfenstreich
Bochum 2016

Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Carina Gödecke,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeisterin Eiskirch,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Freunde des Maiabendfestes,

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Freunde des Maiabendfestes,

ich begrüße im Namen der Bochumer Maiabendgesellschaft alle herzlich, die sich hier versammelt haben, um das 628. Maiabendfest in unserer Stadt zu feiern.

Unser Maiabendbrauch ist eines der ältesten Heimatfeste Deutschlands und entstand im Jahr 1388 durch eine Fehde mit Dortmund. Dortmunder Söldner haben von Harpener Bauern eine Horde Vieh geraubt, welches durch die Bochumer Junggesellen zurückerobert werden konnte.
Als Dank für diese Tat gestattete der Landesherr, Graf Engelbert III. von der Mark, den Bochumern auf ewige Zeiten das Recht, sich am Vorabend des 1. Mai einen Eichbaum aus seinen Wäldern zu holen, diesen zu verkaufen und von dem Erlös des Baumes ein Fest zu feiern.

In den vergangenen Jahren ist das Wissen um diese Geschichte und den Hintergrund unseres traditionsreichen Festes leider zurückgegangen, damit einhergehend auch die Kenntnis eines Liedes: Das Bochumer Jungenlied.

Welche Aktualität diese 1802 verfassten 7 Strophen vor dem Hintergrund unserer aktuellen Situation gewinnen können, ist beeindruckend.
Lassen Sie mich die erste Strophe und den Refrain verlesen:

1. Strophe:
Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond,
Es blüht eine Zeit und verwelket,
Was mit uns die Erde bewohnt.
Refrain:
Und kommen wir wieder zusammen
Auf wechselnder Lebensbahn,
sind wir immer noch die Bochumer Jungen,
(Pfiff)
Junge, do kass di drop verloten.

Junge, da kannst du dich drauf verlassen: so lautet der letzte Satz in unser modernes Hochdeutsch übertragen.

„Junge, da kannst du dich drauf verlassen!“

Das soll der Anführer der Bochumer Junggesellen zu den Harpener Bauern gesagt haben. Diese sollten sich, darauf verlassen, dass sie sie dabei unterstützen würden, das von den Dortmundern geraubte Vieh zurückzubekommen. Und auf die Bochumer war Verlass. Durch eine kluge List gelang es ihnen. Sie verfolgten die Dortmunder, die an einer Flussmündung bei Dortmund ruhten, und täuschten durch lautes Pfeifen einen Angriff vor. Die in Panik flüchtenden Dortmunder ließen das geraubte Vieh zurück.

Wenn wir diese Geschichte hören, auf welche Facetten der Erzählung legen wir dann unser Augenmerk? Auf die Rivalität zwischen zwei Gruppen? Oder vielleicht eher auf die Solidarität einer Gemeinschaft?

Es gibt immer wieder Veränderungen hier unter dem wechselnden Mond; bei all der Festtagsstimmung dürfen wir nicht vergessen, dass neue Bürgerinnen und Bürger nach Bochum kommen, Menschen, die darauf angewiesen sind, dass sie sich auf unsere Solidarität und unsere Bereitschaft, ihnen Schutz zu gewähren, verlassen können. Und nicht nur Neuangekommene bedürfen unserer Aufmerksamkeit. Auch in unserer Stadt ereignen sich täglich soziale Ungerechtigkeiten. Wie auch in vielen anderen Städten des Ruhrgebiets leben hier viele Menschen am Existenzminimum und fühlen sich gesellschaftlich ausgegrenzt und im Stich gelassen.

Ich wünsche mir, dass wir in unserem Bochum genau die Werte aufleben lassen und hochhalten, für die das Maischützenfest steht: Hilfsbereitschaft, Mut und den Sinn für Gerechtigkeit. Unsere Stadt profitiert von einem Fest, bei dem alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen sind, bei dem ein jeder fühlt, dass auch zum ihm gesagt wird: Junge, do kass di drop verloten!

Mag sein, dass noch nicht alle diese – unsere – Sprache verstehen, aber viel mehr als Worte können unsere Taten zum Ausdruck bringen, dass wir alte Geschichten nicht nur erzählen, sondern dass deren Geist in unserem Tun präsent ist.

Alleine kann der Mensch wenig bewegen, aber in Gemeinschaft kommen seine Stärke und seine Phantasie zur Geltung.

Die Bochumer Jungen machten sich gemeinschaftlich auf den Weg, den Bauern zu ihrem Recht zu verhelfen und den Dortmundern das Vieh wieder abzunehmen. Nicht mit Gewalt oder ähnlich unüberlegten Kurzschlusshandlungen, sondern mit einem klugen Plan.

Daran erinnert heute noch der Pfiff in dem Lied. Nicht nur bei mir wird in den vergangenen Monaten der Eindruck entstanden sein, dass ein jeder meint – sei es eine Partei oder ein Land –, er kenne die beste Strategie zur Lösung eines Problems oder zur Bewältigung einer Krise.

Mancher meint, er könne Wege im Alleingang schaffen, ohne gemeinsame Wege zu finden. Daran zerbrechen nicht nur Gemeinschaft und Einheit, sondern auf diese Weise wird auch das Kraftpotential verspielt, dass Menschen haben, wenn sie sich gemeinsam auf den Weg begeben.

Ich hoffe, dass Sie während dieser Festtage erleben, was Verbundenheit und ein freudiges Miteinander bedeuten und ich verspreche Ihnen, dass wir Maischützen uns in Gemeinschaft mit anderen Vereinen dafür engagieren!

Junge, do kass di drop verloten!

Rede zum Gedenken des Grafen Engelbert III. von der Mark
Stiftskirche Fröndenberg 2016
Es ist immer wieder beeindruckend, aus wie vielen Perspektiven Menschen Geschichten lesen und mit welch unterschiedlichen Intentionen sie diese auslegen.

Weiterhin erstaunt mich, wie eine mehr als 600 Jahre alte Geschichte, uns in unserer heutigen Zeit noch bewegen und belehren kann.

Wir gedenken heute des Grafen Engelbert III. von der Mark, auf den die Tradition des Bochumer Maiabendfestes zurückgeht.

Graf Engelbert, um 1330 geboren, wusste sich in den spätmittelalterlichen Ränkespielen um territoriale Interessen, Einfluss und Machtbereiche zu behaupten und wir wissen, dass er zur Durchsetzung seiner Ansprüche kriegerische Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn führte. Warum gedenken wir in einer evangelischen Kirche eines Mannes, der zur Durchsetzung seiner Ziele Mittel anwandte, die zwar für seine Zeit üblich, mitnichten aber heute als integer gelten können?

Wenn wir an diesem Tag des Grafen gedenken, dann gedenken wir einer Legende. Einer Legende, die besagt, dass bei der Großen Dort¬munder Fehde im Jahr 1388 bewaffnete Dortmunder den Harpener Bauern Vieh gestohlen haben. Die Bochumer Junggesellen, die gegen die Dortmunder und auf Seiten des Märkischen Grafen waren, konnten dieses Vieh den rechtmäßigen Besitzern durch eine kluge List zurückbringen.
Die Bochumer Junggesellen zogen den Dortmundern nach und fanden diese an einer Flussmündung bei Dortmund ruhen. Durch lautes Pfeifen täuschten sie einen An¬griff vor, woraufhin die Dortmunder panisch flüchteten und das Vieh zurückließen.

Engelbert stiftete ihnen zum Dank das Maiabendfest.

Manche mögen in unserem Gedenken eine Verherrlichung und Auf¬rechterhaltung alter Rivalitäten sehen, andere kritisieren die militaristischen Züge des Maiabendbrauches. Ich jedoch verbinde mit dem Gedenken und Hören dieser Erzählung etwas Anderes, etwas, von dem ich aufrichtig in einer Kirche Zeugnis geben kann.

Wie einfach wäre es für die Bochumer Junggesellen gewesen, die Dortmunder anzugreifen und sich mit ihnen auf einen Kampf einzulassen? Wie einfach machen wir es uns heute, wenn wir glauben, wir könnten uns das Recht auf Vergeltung herausnehmen, wenn wir uns in Unrecht gesetzt fühlen? Die Bochumer entschlossen sich dazu, einem Unrecht nicht mit Gewalt zu begegnen, sondern mit Phantasie.

Ich erwähnte zu Anfang, mit welch unterschiedlichen Blickwinkeln man eine Geschichte betrachten kann. Es mag Zeiten gegeben haben, da die Geschichte des Grafen, der Harpener Bauern und der Bochumer Junggesellen spöttisch, überheblich und vielleicht mit kaum verhohlener Rivalität erzählt wurde. Doch diesem Duktus möchte ich mich nicht anschließen.
Gerade bei ambivalenten Geschichten entscheiden wir es, welche Linie wir stark machen wollen und welche nicht.

Ich bin kein Pfarrer und Prediger; da wir unser Gedenken in einer evangelischen Kirche begehen und im Rahmen eines Gottesdienstes feiern, ist es mir persönlich ein Anliegen, auch die biblisch-christliche Tradition zu Wort kommen zu lassen. Wir sollten uns mit Blick auf unsere eigenen Grundlagen da¬vor hüten zu glauben, dass Gewalt und Kriegsverherrlichung immer nur bei den Anderen vorkommen. Auch wir finden in unserem biblischen Kanon zutiefst ambivalente Texte.
Auf der einen Seite war Krieg eine Realität der biblischen Lebenswelt und es existieren unschöne Hetztexte gegen Fremde und Gegner des Gottesvolkes. Auf der anderen Seite ziehen sich durch die gesamte Bibel Hoffnungstexte; nicht erst im Neuen Testament, sondern auch im Alten Testament lesen wir von der prophetischen Vision, dass alle Menschen in Frieden leben, dass Schwerter zu Pflugscharen werden und kein Mensch mehr lernen wird, Krieg zu führen (Jesaja 2,1-5).
Es ist an uns zu entscheiden, welche biblische Linie wir her¬vorheben und welcher wir nachfolgen. Es ist an uns zu entscheiden, wie wir alte Bräuche heute so inszenieren, dass sie vom Wert der Solidarität und des Mutes zeugen und nicht der Zwietracht. Es ist an uns zu entscheiden, wie wir Geschichten so erzählen, dass nicht die Gegnerschaft im Mittelpunkt steht, sondern die Überwindung der Gegnerschaft. Es ist an uns, Geschichten so zu erzählen, dass nicht das Unrecht in die Mitte rückt, sondern letztlich gerechter Friede.

Und so können wir zuversichtlich der Geschichte des Grafen Engel¬bert gedenken, da wir in dem Gedenken Werte finden, die wir hoffnungsvoll weitergeben können.